Blind am PC - na und?

Blinde und Sehbehinderte haben schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dass auch sie gut ausgebildet oder umgeschult werden - und vor allem am Computer fit sind, davon konnten sich interessierte Arbeitgeber gestern in einem Fachgespräch überzeugen.

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22. Oktober 2009, 08:59 Uhr

Rostock | Ramona Klehn sitzt am Rechner. Flink haut sie in die Tasten. Unterhalb der Tastatur ist eine Leiste angebracht, die so genannte Braillezeile (nach dem Erfinder der Blindenschrift). Immer wieder tastet die blinde 36-Jährige über die Leiste. "Sie stellt die Zeichen, die sich auf dem Bildschirm befinden, in Blindenschrift dar", erklärt Klehn. So kann sie selbstständig am Computer arbeiten und Zeile für Zeile mit den Fingern lesen. "Zum Tippen muss ich nicht sehen können", sagt sie schmunzelnd - dank Zehn-Finger-System. Seit über drei Jahren arbeitet sie in Rostock, im Schreibservice von Marion Bohl. Im mittlerweile "2. Fachgespräch zur beruflichen Integration und Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen in MV" standen Erfahrungsberichte im Vordergrund. "Blinde am Computer - wie soll das gehen?", hat sich Bohl anfangs gefragt. Mittlerweile weiß sie: "Man muss keine Berührungsängste haben, mit Sehbehinderten oder Blinden zu arbeiten." Auch im Rostocker Ikea-Service-Center sind spezielle Arbeitsplätze für sehgeschädigte Mitarbeiter eingerichtet.

Entsprechende Ausstattung ermöglicht etliche BerufeVoraussetzung dafür sind entsprechende Ausstattung und Finanzierungsmöglichkeiten. Medizinprodukteberater Harald Reinhardt zeigt, wie Sehbehinderte mit relativ wenigen Mitteln die gleiche Arbeitsleistung wie ihre sehenden Kollegen vollbringen können. Eine Tastatur mit besonders hohen Kontrasten, ein großer Monitor plus Vergrößerungssoftware. Für Blinde gibt es ein spezielles Programm mit Sprachausgabe, das gleichzeitig die Braillezeile erstellt. "So können Blinde und Sehbehinderte etliche Berufe ausüben", so Reinhardt.

Am SFZ Berufsbildungswerk Chemnitz bilden Kerstin Göhler und Hans-Joachim Jenß Blinde und Sehbehinderte unter anderem zu Fachinformatikern und Kaufmännern für Bürokommunikation aus. "Dazu zählen natürlich die gängigen Computerprogramme", so Göhler. Sie betont, dass Ausbildungsinhalte und -prüfungen identisch mit denen Nichtbehinderter seien. "Die Absolventen können in sämtlichen Bereichen von Unternehmen, Ämtern und Behörden eingesetzt werden." Allerdings könnten blinde Fachinformatiker keine Designer werden, räumt Jenß schmunzelnd ein. Trotz dieser vorbildlichen Beispiele bedauert Mitinitatorin Gudrun Buse, Landesvorsitzende des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins MV, dass wenige Arbeitgeber der Einladung gefolgt sind.

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