Blaue Tonne greifbar nah

Begehrtes Altpapier: Der Landkreis will möglichst viel bekommen und deshalb die blaue Tonne einführen.dpa
Begehrtes Altpapier: Der Landkreis will möglichst viel bekommen und deshalb die blaue Tonne einführen.dpa

von
02. November 2010, 09:00 Uhr

Prignitz | Die Vorentscheidung ist gefallen: Gestern Abend sprach sich der kreisliche Müllausschuss für eine haushaltsnahe Papierentsorgung aus und will ab 2012 die blaue Tonne einführen. Parallel dazu sollen ebenfalls öffentliche Container in einem begrenzten Umfang angeboten werden. Von diesem Mischsystem verspricht sich der Kreis die größtmögliche finanzielle Einnahme. Der Ausschuss empfahl bei nur einer Gegenstimme des Abgeordneten Hans-Peter Freimark (FDP) dem Kreistag, diesem Vorschlag zu folgen und den Landkreis mit der entsprechenden Ausschreibung zu beauftragen.

Großer Widerstand ist nach der gestrigen Sitzung und der Vorberatung Ende September nicht zu erwarten. Ralf Pomorin (Linke) signalisierte gestern bereits die Zustimmung seiner Fraktion. Damit rückt der Landkreis komplett von seinem bisherigen Entsorgungsmodell ab, trägt den jüngsten Entwicklungen auf dem Papiermarkt Rechnung. Vor- und Nachteile des neuen Systems stellte in der Sitzung Dietrich Dehnen, Geschäftsführer der Beratungsfirma Gavia, vor.

Wesentlicher Vorteil ist die größere Komfortabilität für den Bürger. Dadurch steige das Papieraufkommen von jetzt 57 Kilogramm pro Einwohner und Jahr auf dann 70 Kilogramm. "Das sind unsere Erfahrungswerte", sagte Dehnen. Wenn jeder Haushalt über eine eigene Tonne verfügt, entsorge der Bürger mehr Papier. In Kombination mit Containern auf Stellplätzen könne der Kreis die höchst mögliche Menge erzielen.

Seine Firma hat für den Kreis eine Kalkulation erstellt. Unter Berücksichtigung zahlreicher Faktoren wie Fahrstrecken, Personal und Technik belaufen sich die Entsorgungskosten im Jahr auf rund 482 700 Euro. Der Erlös würde bei etwa 610 600 Euro liegen. Ein Gewinn also, von dem der Landkreis profitieren würde. Dietrich Dehnen betonte, dies sei eine "konservative" Rechnung. Ihr liege lediglich ein Papierpreis von 92,95 Euro pro Tonne zu Grunde. Derzeit würden aber 120 bis 130 Euro erzielt. Gut möglich also, dass der Gewinn weitaus höher ausfallen könnte.

Nachteil seien hohe Einführungskosten. Der Kreis müsste 24 000 Behälter erwerben. Die Entsorgungskosten steigen, da wesentlich mehr Touren notwendig werden und jedes Grundstück angefahren wird. Das reduziere den Gewinn im Vergleich zum jetzigen System. "Der Kreis macht etwa 30 Euro pro Tonne Altpapier Verlust", so Dehnen.

Ein anderer Vorteil wiege das jedoch auf: Das Mischsystem verhindere, dass private Anbieter auf den Markt drängen, da es bereits blaue Tonnen gibt. Damit habe der Kreis die Garantie, dass ihm niemand das Papier streitig mache.

Bei der Vergabe spielen Tariflöhne keine Rolle, erklärten Verwaltung und Dehnen auf Nachfrage von Ralf Pomorin. Die Unternehmen müssten lediglich den seit gestern gültigen Mindestlohn von 8,24 Euro zahlen. Das Vergabegesetz lasse nicht zu, dass der Landkreis seinen Zuschlag an Kriterien wie Tariflohn bindet. Es gehe ausschließlich um Wirtschaftlichkeit. Der günstigste Anbieter müsse genommen werden, selbst wenn der Zweitplatzierte nur um Centbeträge dahinter liegen sollte. Pomorin hatte nachgefragt, da im Zuge der jüngsten Ausschreibung für die Müllentsorgung dies eingetreten war: Die Becker Umweltdienste verloren, weil sie höhere Löhne zahlen.

Hans-Peter Freimark hinterfragte das neue Modell unter Umweltaspekten kritisch. Die hohe Zahl der zu erwerbenden Papiertonnen sei nicht umweltfreundlich. Auch die CO-Bilanz ist negativ, da deutlich mehr gefahren werde, ergänzte Dietrich Dehnen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen