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Lokales

22. Oktober 2017 | 06:44 Uhr

Bildung braucht immer mehr Geld

vom

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erstellt am 17.Sep.2010 | 08:10 Uhr

Drei Wochen Schule, der Minister auf Erkundungstour im Land - wie ist das Schuljahr angelaufen?

Tesch: Aus meiner Sicht ist es nach der Schulgesetzänderung jetzt zum zweiten Mal sehr ruhig angelaufen. Wir haben die schülerbezogene Mittelzuweisung im letzten Schuljahr eingeführt. Das war eine enorme Leistung der Schulen und der Schulämter. In diesem Jahr war man an das System gewöhnt, so dass es ein geordneter, guter Schuljahresstart war.

Aufruhr herrscht unter den Trägern freier Schulen zur individuellen Lebensbewältigung, die deutlich weniger Landesmittel erhalten. Sehen Sie eine Chance auf die geforderten Nachbesserungen am Schulgesetz?

Ich sehe vor allem, dass es um Kinder und Eltern geht, die unserer besonderen Fürsorge und Unterstützung bedürfen. Dabei können wir aber nicht mit zweierlei Maß messen. Alle Schüler - ob an staatlichen oder an privaten Schulen - sind gleich viel wert, das steht im Schulgesetz und dabei wird es bleiben. Wir werden uns jetzt mit dem Sozialministerium und den privaten Schulträgern zusammensetzen und über Übergangsregelungen, Qualitätsstandards und Serviceangebote für die Eltern reden.

Erstmals wurden in diesem Jahr landesweit Kinder an Grundschulen statt an allgemeinen Förderschulen eingeschult. Eine Sparmaßnahme?

Das hat mit Sparmaßnahmen definitiv nichts zu tun. Ziel ist es, Kinder mit Beeinträchtigungen im Lernen, in ihrer sprachlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung, soweit wie möglich ins Regelschulsystem zu integrieren und ihnen so mehr Chancen einzuräumen. Dazu fangen wir ganz behutsam an, diese Kinder - es sind 160 in diesem Schuljahr - in den Grundschulen aufzunehmen und dort zu fördern. Das ist ein Prozess, den wir entsprechend der UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung umsetzen.

Defizite bei der Einschulung, viele Schulabbrecher, große Klassen - woher stammen die negativen Etiketten, die unserem Schulsystem anhaften?

Es kommt auf die Wahrnehmung an. Wenn neue Studien vorgestellt werden, kommen in der Öffentlichkeit meist nur die Schwachstellen zur Sprache. Ich nehme mal den Bildungsmonitor der Wirtschaft. Der hat uns bescheinigt, dass es gut gelungen ist, Kinder mit ungünstigen sozialen Voraussetzungen gut zu integrieren. Also, die Weitergabe von Bildungsarmut ist bei uns mit am geringsten. Bei den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, die Red.) waren wir auf Platz 4. Das heißt, zwölf Länder sind schlechter. Trotzdem sind wir insgesamt nur auf Platz 15 gelandet, weil wir viele Ausbildungsabbrecher haben und die Abiturientenquote noch zu gering ist. Und was die Klassenstärken angeht: Wir haben ein Schüler-Lehrer-Verhältnis von 1 zu 14. Das ist deutlich besser als im Bundesdurchschnitt, was auch mit unserer ländlichen Struktur zusammenhängt. Das müssen wir uns auch in Zukunft leisten. In den Städten haben wir dadurch allerdings größere Klassen.

Wo müsste Mecklenburg-Vorpommern denn aufholen?

Unser Nachholebedarf ist klar. Wir haben schon vor Jahren die Frage des Lesens in den Vordergrund gestellt. Oder auch die Frage des Englischunterrichts, wobei ich dazu sagen muss, dass ich den Russischlehrerinnen und -lehrern dankbar bin, dass sie sich nach der Wende zu Fortbildungen in einer anderen Sprache bereit gefunden haben. Das darf man nicht einfach diskreditieren mit irgendeiner Studie. Gleichzeitig sind weitere Qualifizierungen und auch Neueinstellungen vorgesehen. Und bei der individuellen Förderung müssen wir künftig stärker auf die geschlechterspezifischen Besonderheiten von Jungen und Mädchen eingehen, etwa indem wir entsprechende Unterrichtstexte und Unterrichtsformen neu entwickeln.

Was werten Sie als Pluspunkt Ihrer Amtszeit?

Ich habe 2006 gesagt: Wir brauchen keine Schularten-Änderung. Das ist gelungen und damit eine gewisse Ruhe eingekehrt. Wir haben gleich zu Beginn der Legislaturperiode ein neues Schulgesetz vorgelegt und nicht erst am Ende, so dass wir schon frühzeitig mit der inhaltlichen Arbeit beginnen konnten. In diesem Schuljahr zum Beispiel haben wir in der selbstständigen Schule drei Dinge auf den Weg gebracht: Wir haben allen ein eigenes Fortbildungsbudget gegeben. 75 Prozent der Mittel für den Vertretungsunterricht gehen zum ersten Mal direkt an die Schulen. Und wir haben zusätzliche Mittel für die Honorierung zusätzlicher Lehrerleistungen zur Verfügung gestellt, rein rechnerisch 100 Euro je Haushaltsjahr pro Lehrer bis 2013. Ich denke, wir brauchen auch in Zukunft keine Schularten-Diskussion.

Brauchen wir vielleicht die Diskussion, ob die Kita ins Bildungsministerium gehört, wo doch das Schlagwort lautet: Bildung von Anfang an?

Ich bin erstmal sehr glücklich, dass wir mit Beginn dieser Legislaturperiode die frühkindliche Bildung im Bildungsministerium angesiedelt haben. Das ist kein Grundverdacht gegenüber einem anderen Ministerium, das ist einfach sinnvoll. Ob nun die Diskussion folgen soll, wer letztlich für das Personal verantwortlich ist, das muss bei den nächsten Koalitionsverhandlungen aufgerufen werden. Wenn man das will, dann muss das partnerschaftlich gehen und geräuschlos, und der Inhalt muss im Vordergrund stehen. Mein Preis heißt immer Inhalt.

Die Lehramtsstudenten, die keine Referendariatsplätze erhalten hatten, sehen die Lehrerbildung im Chaos. Was entgegnen Sie der Kritik?

Man kann nicht sagen, die Referendare haben keine Plätze bekommen, sondern der eine oder andere hat im ersten oder zweiten Anlauf keinen Platz bekommen. Gleichwohl wissen alle, dass ein Anspruch besteht. Im Bereich der gymnasialen Lehrämter gab es weitaus mehr Bewerber als Stellen, wir brauchen aber derzeit dringend Lehrernachwuchs für Förder-, Grund- und Regionalschulen. Wir müssen jetzt entsprechend des Bedarfs umsteuern. Keiner hat sich das bislang getraut, ich habe es getan. Wir als kleines Land können uns Systemlosigkeit nicht leisten.

Ein Bildungsminister steht ständig in Verdacht, nur sparen zu wollen. Wie erklären Sie das?

Gefühlt mag das stimmen, da ja in den vergangenen Legislaturperioden Umstrukturierungen oft mit Sparmaßnahmen verbunden waren. Außerdem wird Bildung immer ein Bereich sein, bei dem es um zusätzliche Mittel geht. Aber seit 2006/2007 hat diese Landesregierung bei Bildung nicht gespart. Man muss nur die Zahlen zur Kenntnis nehmen: Wir geben mehr als 20 Prozent des Landeshaushalts für Bildung, Wissenschaft und Forschung aus. Das kann dem einen oder anderen zu wenig sein, ist aber eine enorme Schwerpunktsetzung.

Vorlagen aus Ihrem Haus sorgen bisweilen für Kritik, zuletzt hatte Ministerpräsident Sellering beim Kooperationsvertrag mit der Bundeswehr sein Veto eingelegt. Sind Sie der Minister, dem besonders streng auf die Finger geschaut wird?

Das kann doch für mich sprechen, oder? Dafür, dass ich Ideen habe, die andere nicht haben, so dass die dann noch mal drauf schauen wollen. Es kann aber schon sein, dass ich als Quereinsteiger ungewöhnlicher bin in diesem Politikbetrieb. Diese Arbeitsweise kann man mögen oder auch nicht mögen. Ich mag meine Arbeitsweise.

Auf dem Gebiet der Theater hat sich in Westmecklenburg Parchim bei der Suche nach einem Kooperationspartner Rostock zugewandt. Sind Sie, der den Weg nach Schwerin favorisiert hatte, glücklich damit?

Das zeigt, wie viele Möglichkeiten bestehen, aber auch, wie wir mit Argumenten umgehen. Parchim hatte immer gesagt, es sei viel zu weit nach Schwerin. Nach Rostock ist der Weg nun noch weiter. Großer Konsens in und um Parchim war immer, das Kinder- und Jugendtheater zu erhalten. Nun wird aus der Kooperation mit Rostock in einem nächsten Schritt die Fusion. Es ist also doch einiges möglich, was zunächst unmöglich schien. Dieses dicke Brett "Theater- und Orchesterstrukturen" hat Prozesse ausgelöst, die vorher undenkbar waren.

Sie hatten gesagt, fünf Jahre als Minister reichen, Ihre Anstellung als Schulleiter ruht. Streben Sie aus heutiger Sicht eine weitere Amtszeit an?

Ich bin ins Amt gerufen worden und habe mich nicht gedrängelt. Und das habe ich auch jetzt nicht vor. Dieses Land muss sich weiter den jetzt von mir eingeleiteten Reformen zuwenden. Wenn dann jemand der Meinung ist, er will mich wieder rufen, schau ich mir das an. Ich klebe nicht an diesem Stuhl.

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