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Lokales

23. Oktober 2017 | 13:41 Uhr

Bild im Bild - ganz im Wortsinn

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erstellt am 16.Sep.2010 | 07:51 Uhr

Schwerin | Bisher waren die beiden Gemälde von 1659 und 1920 nur noch im Verlustkatalog des Staatlichen Museums zu finden. Er listet alle Objekte auf, die in den Wirren des Kriegsendes 1945 und durch Beschlagnahmungen seitens der Besatzungsmacht verschollen sind - rund 5000 Stücke, davon mehr als 600 Gemälde. Nun sind "Inneres der Oude Kerk in Delft" von Hendrick van Vliet (1611 bis 1675) und "Bach im Winter" von Marie Hager (Penzliun 1872 bis 1947 Burg Stargard) zurückgekehrt. Und das auf ganz und gar nicht alltägliche Weise.

Die Geschichte der beiden verschollenen Gemälde klingt nach einem Krimi. "Es hat sich herausgestellt, das die beiden Bilder Deutschland gar nicht verlassen haben und sogar in der Region geblieben sind", erläuterte Dr. Dirk Blübaum, Direktor des Staatlichen Museums, gestern bei der Vorstellung der Bilder. Die Gemälde stammen aus einem Nachlass. Ganz zuerst sah es danach aus, als wäre nur ein Bild vererbt worden - eine winterliche Flusslandschaft, spätimpressionistisch mit pastosem Pinselstrich aufgetragen, mittleres Format. "Erst bei der genauen Durchsicht des Nachlasses fiel dem damaligen Besitzer das Bild auf, er baute den Rahmen auseinander - und sah, dass noch eine zweite Leinwand darin war", so Dr. Blübaum. Und was für eines: Hendrick van Vliet ist ein Maler der Delfter Schule, also das, was man landläufig einen "Alten Meister" nennt und unter Sammlern teuer bezahlt. Offenbar hing er als wörtliches Bild im Bild seit Jahrzehnten in einer guten Stube. Im Zweiten Weltkrieg waren die Bestände der Schweriner Museen ausgelagert, "meistens in Herrenhäuser auf dem Land". Der Van Vliet und der Hager kamen nach Schloss Ivenack (Landkreis Demmin). Nach den neuesten Erkenntnissen des Museums hat die Mutter des Erben die beiden Bilder 1946 von der sowjetischen Armee erhalten - als "Bezahlung" für die Arbeit bei der Munitionsräumung. "Die Soldaten haben die Bilder aus dem Depot genommen und übergeben", sagt Dr. Blübaum. So einfach war das damals, in den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Der Erbe, dessen Name vertraulich bleiben soll - "Er lebt in der Region Schwerin", verriet Dr. Blübaum nur -, erkannte an den gestempelten Gemälderückseiten, dass er es mit Museumsstücken zu tun hatte. Vor einem Jahr meldete sich der Besitzer beim Museum. "Wir waren weiterhin die rechtmäßigen Eigentümer, er hatte es in seinem Besitz", erläutert Dr. Blübaum die Situation. Man verhandelte, man einigte sich, "auf einen Finderlohn". Wie hoch der war? Das will das Museum ebenso wenig verraten wie den genauen Wert der beiden Bilder. Nur so viel: Für ein niederländisches Gemälde wie den Van Vliet werde auf dem Kunstmarkt eine sechsstellige Summe bezahlt.

Chefrestauratorin Kerstin Binzer wird mit den beiden Gemälden allerdings noch viel Arbeit haben. Vor allem, weil das Hager-Bild sehr gelitten hat. Denn: Die damaligen Besitzer schätzten offenbar das Landschaftsbild mehr als das dunkle Kirchenmotiv, wickelten den Holländer in die Hager-Leinwand, knickten sie und schlugen das untere Viertel um - so passten beide Bilder in den prächtigen Rahmen des Van Vliet. Die dick aufgetragene Farbschicht des "Bach im Winter" wurde dabei schwer beschädigt, Farbe platzte ab. "Nun müssen wir die Knickstelle anfeuchten und ganz langsam wieder glätten", erläuterte Restauratorin Binzer das Prozedere. Immerhin: Beschnitten wurde das Bild nicht. Der fast 300 Jahre ältere Van Vliet dagegen hat die Jahrzehnte relativ problemlos überstanden. "Bis auf den vergilbten Firnis und einen kleinen Riss ist das Gemälde gut erhalten", so Binzer. Vermutlich in einem Jahr werde die Instandsetzung der Gemälde abgeschlossen sein.

Beide Bilder seien eine willkommene Ergänzung der Schweriner Sammlung, betonte Dr. Gero Seelig, im Museum verantwortlich für die holländische und flämische Malerei des 17. Jahrhunderts. "Wir haben nicht so viele Kircheninterieurs." Hendrick van Vliet sei zwar kein Maler vom Format eines Carel Fabritius oder Jan Vermeer, "aber er ist einer von den großen Kirchenmalern". Außerdem passe das auf 1659 datierte Gemälde sehr gut in den Bestand an Delfter Malerei des Barock - deren Zentrum Fabritius und Vermeer waren. "Auch von Marie Hager hat das Museum noch wenig Bilder", so Dr. Seelig.

Nur eine Handvoll der im Verlustkatalog aufgeführten Bilder ist bisher nach Schwerin zurückgekehrt. "Wir wissen nicht, ob alle beschlagnahmten Bilder nach Russland gegangen sind", sagt Dr. Dirk Blübaum. Oder ob überhaupt eine Beschlagnahme der Grund für das Verschwinden war. Schließlich lagen 1945 mitten im Chaos des Kriegsendes die Gemälde aus dem Schloss kurze Zeit geradezu in Haufen auf dem Alten Garten. "Da hat sich sicher der eine oder andere bedient."

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