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Fangen Küstenfischer in MV zu viele Seevögel? : "Big Brother" auf drei Fischkuttern

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"Was sollen wir machen", zuckt Fischer Andreas Lüdke mit den Schultern. Der Ostsee-Fischer aus Freest zeigt auf die Kameras an Bord seines Kutters. Die elektronischen Augen dokumentieren jede kleinste Handlung an Bord.

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erstellt am 31.Mär.2011 | 07:18 Uhr

Freest | "Was sollen wir machen", zuckt Fischer Andreas Lüdke mit den Schultern. Der Ostsee-Fischer aus Freest (Ostvorpommern) zeigt auf die Kameras an Bord seines Kutters "Birte". "Eine über dem Holer (Netzeinholgerät), zwei auf dem Verarbeitungsdeck. Denen entgeht nichts." Seit Wochenanfang dokumentieren die elektronischen Augen jede kleinste Handlung an Bord - vom Einholen der Netze bis zur Anlandung im Hafen. Toll findet Lüdke die Überwachung nicht, aber er hat es gewollt. Freiwillig.

Lüdke und seine Fischer-Kollegen in Freest sind wütend über Studien, nach denen in der Ostsee Jahr für Jahr Tausende von Seevögeln in Stellnetzen verenden sollen und setzen deshalb auf Transparenz. "Wir wollen den Gegenbeweis antreten", sagt der 47-Jährige. Für die Fischer sind die Zahlen nicht nachvollziehbar. Die traditionelle, seit Jahrhunderten betriebene Fischerei mit Stellnetzen galt im Gegensatz zur Schleppnetzfischerei als nachhaltig, weil wegen der großen Maschenweiten weder ungewünschte Fischarten noch Jungtiere gefangen werden.

Eine aktuelle Studie des Bundesamtes für Naturschutz wirft nun einen schweren Schatten auf diese althergebrachte Fangmethode. Danach sollen an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns jährlich zwischen 17 345 bis 19 841 Seevögel in den Stellnetzen der Fischer verenden.

Als Lösung schlägt die Studie den Einsatz alternativer Fanggeräte wie Fischfallen oder - was den durch drastische Quotenkürzungen seit Jahren gebeutelten Fischern besonders weh tut - die zeitweise Schließung von Fischfanggründen vor. "Solche Schlussfolgerungen aufgrund ungenauer Datenlage zu ziehen, ist unseriös", sagt der Geschäftsführer der Freester Fischereigenossenschaft, Michael Schütt. Selbst der Umweltverband WWF hält die Studie für ungenau. "Sie basiert auf Schätzungen. Diese Daten sind unzureichend, um die tatsächliche Situation beurteilen zu können", sagt Cathrin Münster vom WWF. Der Umweltverband hat das Freester "Big-Brother-Projekt", eigenen Angaben zufolge das erste Stellnetz-Überwachungsprojekt an Nord- und Ostsee, gemeinsam mit den Fischern und Forschern des Instituts für Ostsseefischerei initiiert. Finanziert wird es vom Handelskonzern Edeka. "Wir setzen auf Kooperation und nicht auf Konfrontation", sagt die WWF-Mitarbeiterin. Wegen der Fangmengenkürzungen der vergangenen Jahre gilt das Verhältnis zwischen Fischerei und Forschung, die der EU jährliche Empfehlungen für die Festlegung von Fangmengen gibt, als belastet.

Allein in der Fischereigenossenschaft Freest sank die Quote für den "Brotfisch" Hering innerhalb eines Jahr von 1600 auf 1070 Tonnen. Inzwischen bangen viele um ihre Existenz. Zwei Jahre lang sollen die mit GPS-System ausgestatteten Kameraanlagen auf drei Kuttern alle Fänge und Beifänge dokumentieren.

Eine Manipulation der Daten sei ausgeschlossen. WWF und das Institut für Ostseefischerei erhoffen sich Informationen über die Zusammensetzung und Menge des Beifangs und über Vogelarten. Neben den Seevögeln richtet der WWF auch seinen Fokus auf die Schweinswale, die in den Stellnetzen verenden. Deren Bestand gilt als bedroht, er wird auf 600 Tiere geschätzt.

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