Bewegung am Checkpoint Harry

Das Emblem der alten Grenzsäule hängt über dem Tresen.
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Das Emblem der alten Grenzsäule hängt über dem Tresen.

Dort, wo früher Volkspolizisten den Zutritt zum Sperrgebiet regelten, kocht heute Harald Strelow Bauernfrühstück und Soljanka. Der Boizenburger hat ein Jahr nach dem Mauerfall in dem Flachbau einen Imbiss eröffnet. Zwanzig Jahre nach der Wende ist sein Restaurant "Checkpoint Harry" immer noch beliebtes Ausflugsziel. Dieses Jahr werden noch mehr Gäste kommen, denn die Stadt eröffnet auf dem Gelände eine Ausstellung zur Grenz-Geschichte Boizenburgs.

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16. Januar 2009, 07:45 Uhr

Boizenburg/Vier | Das Foto wirkt wie eine Filmszene: Ein Volkspolizist hält die Pistole im Anschlag als sei er hinter jemandem her. Er wartet an der Ecke, die eine Hand lässig in der Manteltasche, die andere an der Waffe. Dieser eine Moment vor etwa 30 Jahren hätte Detlef Neumanns Ende bei der Volkspolizei bedeuten können. "Ich will gar nicht wissen, was sie mit ihm gemacht hätten, wenn sie ihn bei der Flachserei erwischt hätten", sagt Harald Strelow. Detlef Neumann hatte Glück: Niemand hatte ihn und seinen Kollegen beim Fotografieren im Dienst damals beobachtet und so können dieses Foto heute alle sehen, die in Harrys Checkpoint essen gehen. Seit ein paar Wochen hängt im Gastraum eine handvoll Bilder, die der inzwischen verstorbene Detlef Neumann damals heimlich vom Kontrollpunkt im Ortsteil Vier fotografierte. "Es sind die einzigen Fotos, die ich aus DDR-Zeiten von dem Gelände hier finden konnte", sagt Harald Strelow. Man sieht darauf den alten Kontrollturmturm, einen Polizei-Moskwitsch und mehrere uniformierte Volkspolizisten. Über die Zapfsäule am Tresen des Lokals hat Harry Strelow das originale DDR-Emblem der Grenzsäule gehämmert. Daneben hängt ein leeres Formular für die DDR-Einreise. Harald Strelow bedauert, dass er nicht mehr Zeitdokumente vom einstigen Kontrollpunkt hat. "Ich habe kurz nach der Wende nur gearbeitet, gearbeitet, gearbeitet. Da stand mir nicht der Sinn nach historischen Dokumenten." Er erzählt von seinen Bemühungen um einen Imbiss nach dem Mauerfall. Acht andere Bewerber hatten die selbe Idee, ich war zum Glück der einzige Koch und bekam das Gebäude zur Pacht. Der Name "Checkpoint Harry" sei ein Geistesblitz gewesen. "Nicht Charly, sondern Harry - das bietet sich doch an." Strelow verkauft in den ersten Jahren Pommes und Bratwurst aus der Luke, hinter der ein Jahr zuvor noch die Volkspolizisten die Dokumente abstempelten. Stück für Stück baut er die Kaserne um. In die alte Knastzelle kommt die Geschirrspüle, aus der Waffenkammer wird die Küche, der Umkleideraum wird zum zweiten Gastraum ausgebaut.

Dauer-Ausstellung soll am 6. Mai eröffnet werdenFür den Grenzturm vor dem Restaurant hat Strelow noch einen Schlüssel. "Wenn Gäste da mal rein wollen, dann zeige ich ihnen den Turm natürlich", sagt er. Ab Mai wird im und um den Turm herum eine Dauerausstellung zu sehen sein. Das Heimatmuseum Boizenburg hat dafür acht Schautafeln gestaltet, die auf dem breiten Mittelstreifen vor dem Checkpoint Harry einbetoniert werden. Die Informationen und Dokumente zum Sperrgebiet bei Boizenburg hat der Berliner Historiker Kai Kufeke über zwei Jahre aus Archiven zusammengetragen. Er hat Zeitzeugen, wie Wolfgang Kniep aus Leisterförde, Detlef Neumann aus Boizenburg und Karl-Heinz Niemann aus Gothmann befragt. Die Tonbandaufnahmen vieler Gespräche werden im Turm zu hören sein. Unter anderem berichtet hier eine Frau aus einem der Elbdörfer von ihrer Zwangsaussiedlung und ein Werftarbeiter, der nach einem gescheiterten Fluchtversuch über die Elbe ins Gefängnis musste. Die Ausstellung wird am 6. Mai eingeweiht. Sie ist ganzjährlich geöffnet, nur der Turm bleibt im Winter geschlossen.

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