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Lokales

12. Dezember 2017 | 03:55 Uhr

Benehmen immer öfter miserabel

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erstellt am 26.Mai.2010 | 08:01 Uhr

goldberg | "Blöde Kuh!" ist die Spitze dessen, was ein Schüler gewagt hat, Gisela Hög an den Kopf zu werfen. Wer allerdings die Direktorin der Regionalen Schule Walter Husemann kennt, weiß, dass sie dank ihrer - wiederum objektiv betrachtet - wirkungsvollen Autorität in wohl keinem Fall um eine passende Antwort verlegen ist. Die Erkenntnis der Lehrerin mildert dies nicht: "In den letzten zehn, 15 Jahren haben sich das Gefühl für Schmerz und die Sensibilität für das Empfinden, wann ich jemanden verletze und bis wohin es Spaß ist, tiefgreifend negativ verändert. Was der Nachwuchs öfter ablässt, zeigt in der Regel ein emotionales Defizit - ist Anzeichen dafür, regellos und ohne die nötige Begleitung groß geworden zu sein. Die Beobachtung, wie gossenhaft sich zum Beispiel auch Mädchen zunehmend äußern, sei als ein Beispiel genannt."

Nach langer Überlegung hat sich Gisela Hög dazu entschieden, Benimm-Unterricht an ihrer Schule einzuführen. Ob als Unterricht, Kurs oder Projekt stehe noch nicht fest, aber der grundsätzliche Beschluss ist gefallen. "Vor gut 15 Jahren habe ich davon zum ersten Mal aus den alten Bundesländern gehört und damals die Augen verdreht", sagt die Leiterin. "Ich habe diese Idee großmütig als Aktionismus und Selbstdarstellung belächelt, die nicht in eine Schule gehört - man muss auch eigene Fehler eingestehen."

Als Direktorin (seit 1997) habe sie einen anderen, umfassenderen Blick für Schüler und ihre Probleme bekommen. Die Lehrerin stellte unter anderem fest, dass kaum noch einer der älteren Schüler in der Lage war, vor der Klasse in ganzen Sätzen zu sprechen, sich zusammenhängend auszudrücken. "Wer das nicht kann, erhält nicht den nötigen Respekt der vor ihm Sitzenden, was wiederum deren Äußerungen bestimmt - völlig unabhängig vom Intellekt", so Gisela Hög. "Auf einen Lehrer bezogen bedeutet dies, die Kinder nicht in den Griff zu bekommen. Das kann ein noch so guter, kluger Kopf sein: Wenn der erste Eindruck nicht stimmt, wird er ausgebuht."

Die im Unterricht gewonnene Erkenntnis hinsichtlich der Ausdrucksfähigkeit zog 2000 den ersten Rhetorikkurs für Neunt- und Zehntklässler nach sich. Am Ende der Schulzeit habe man sofort gespürt, ob jemand daran teilgenommen hatte oder nicht. "Aufstehen, nicht hochquälen; gerade gehen, nicht latschen; artikulieren, nicht blubbern - auch das gehörte dazu", sagt Gisela Hög. "Zur Wiedereröffnung unserer Schule habe ich dann 15 Teilnehmer dazu eingesetzt, die 230 teilweise hochrangigen Gäste aus Wirtschaft und Politik zu betreuen. Nachdem ihnen zunächst das Herz in die Hose gerutscht war, haben sie es letztlich gekonnt bewältigt. So, als hätten sie noch nie etwas anderes getan. Das gab Mut." Der Start des Benimm-Unterrichtes als die reguläre Schulausbildung übersteigende Maßnahme wurde vor allem aus personellen Gründen bisher verschoben: "Dies muss jemand gern machen. Sonst bringt es gar nichts. Verpflichtung wäre Blödsinn."

Kaugummi malmende Fernsehmoderatoren, Live-Auftritte und Gespräche mit Händen in der Tasche, Basecap und Turnschuhe zum Jackett - die eng mit Erziehung zusammenhängende Vorbildwirkung von vielen Erwachsenen sei schlechter geworden. "Vieles gilt als ,cool, ist aber oft die Grundlage für unsere Probleme", meint die Direktorin. "Gerade was zum Beispiel Kleidung betrifft, mag ich altmodisch sein - aber da bin ichs gern."

Lehrerdasein sei auch Handwerk. Dazu gehöre, dass Respekt, der ausschließlich auf Angst beruhe, keiner sei und die Antwort auf Unprofessionalität umgehend folge. "Wenn eine Schulstunde schlecht aufgebaut ist, kommt die Rückmeldung sofort. Das hören Lehrer nicht gern, aber ich rate, auch selbstkritisch zu sein und nicht grundsätzlich von sich zu geben: ,Bei mir ist alles in Ordnung", sagt Gisela Hög.

Ironie habe in der Erziehung nichts zu suchen. Je weniger ein Schüler zum Beispiel mit Worten umgehen könne, desto schneller und intensiver werde er sie als Angriff empfinden und noch unangemessener reagieren. "Gefragt sind klare Aussagen wie ,Das gefällt mir nicht und ,Ich erwarte das oder das. Intelligente Leute meinen oft, ihre Bemerkungen verschlüsseln zu müssen", so die Direktorin. "Dabei verlangt eine direkte Ansprache mehr Überlegung."

In der Art und Weise, wie Kinder groß werden, gebe es oft enorme Defizite, die auch in Goldberg durchschlagen. Kein Elternpaar mache es bewusst, aber ein gewichtiger "Urfehler des Erziehens" sei die Missachtung von ja und nein als klarste Signale. Schon dies führe zu Respektlosigkeit. "Ein Lehrer muss allerdings trennen, ob sich die Äußerung eines Schülers gegen ihn persönlich richtet oder er nur Blitzableiter etwa für Spannungen mit den Eltern ist", sagt Gisela Hög. Zugenommen habe ebenfalls, dass materielle Dinge Liebe erkaufen sollen, aber über jeder Kritik müsse das Bewusstsein stehen, dass Schule nicht Schicksal sei: "Mit einem Zeugnis sprechen wir Recht über ein Kind, das Produkt seiner Erziehung ist, für die es nichts kann. Solch ein Urteil muss Hand und Fuß haben. Sonst sind wir von Gottes Gnaden. Und das will ich nicht."

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