Bei Post-Handballern geht das Licht aus

Post-Geschäftsführer Friedrich Diestel hier mit dem zu Saisonstart nach Hildesheim abgewanderten 'Dinos' Chantziaras. Welche Spieler den Verein noch verlassen werden nach der Insolvenz, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Dietmar Albrecht
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Post-Geschäftsführer Friedrich Diestel hier mit dem zu Saisonstart nach Hildesheim abgewanderten "Dinos" Chantziaras. Welche Spieler den Verein noch verlassen werden nach der Insolvenz, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Dietmar Albrecht

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20. September 2012, 08:52 Uhr

Schwerin | Der Kampf des Handball-Zweitligisten Post Schwerin gegen die finanziellen Windmühlen hat sich als aussichtslos erwiesen. Heute geht Geschäftsführer Friedrich Diestel zum Gericht, um dort die "Insolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit" anzumelden. Betroffen davon ist der Wirtschafts- und Lizenzträger des Männer-Zweitligisten, die "Post Schwerin Handball-Bundesliga GmbH & Co. KG". Der SV Post Schwerin als Breitensportverein ist davon ausdrücklich nicht betroffen. "Der ist gesund und gut aufgestellt", so Diestel.

Dieser hatte zum 1. Juli erst den Geschäftsführerjob beim Mecklenburger Traditionsverein übernommen, der 1970 in die DDR-Oberliga aufgestiegen und seitdem stets erst- bzw. zweitklassig spielte. Allerdings war Post Schwerin nach der Wende bereits mehrfach in Insolvenzgefahr, so nach dem bisher letzten Erstliga-Abenteuer in der Spielzeit 2004/05. Seinerzeit betrug das Etatloch ca. 800 000 Euro. Durch ein rigides Sparprogramm des dann verpflichteten Geschäftsführers und Trainers Norbert Henke - heute Geschäftsführer beim HC Empor Rostock - wurden die Altlasten kräftig getilgt. Eine schwarze Null konnte aber auch Henke, nicht zuletzt im Zuge der weltweiten Finanzkrise, nie wirklich verkünden.

In den vergangenen Jahren wurden jedoch "immer wieder neue Löcher aufgerissen, um alte zu stopfen", wie es Henkes Amtsvorgänger Ingo Heinze (dessen GF-Tätigkeit dauerte nur 113 Tage) vor wenigen Wochen gegenüber dieser Zeitung formulierte.

Jetzt ist Ende der Fahnenstange - der Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden führte nun zur Pleite. "Ansonsten mache ich mich noch strafbar", so Geschäftsführer Diestel mit Blick auf den Tatbestand einer möglichen Insolvenzverschleppung. "Es geht um die Rechtssicherheit der Spieler und nicht zuletzt der Sponsoren."


Noch beim Heimspiel am Mittwoch mit Hauptsponsor verhandelt

Dabei hatte dieser vorm Saisonstart am 5. September in Bad Schwartau verkündet: "Wie es sich gehört, starten wir in die Saison und wollen diese zu Ende spielen. Das sind wir auch den anderen Mannschaften der Liga schuldig." Zugleich schloss er aber bereits damals einen Rückzug der Mannschaft während der Saison definitiv nicht aus.

Doch der 32-jährige Wirtschaftsjurist aus Berlin hoffte bis zuletzt, das sinkende Schiff irgendwie in den rettenden Hafen zu bekommen, indem er händeringend nach einen Hauptsponsor suchte. Noch zuletzt beim Heimspiel der Postler gegen den Bergischen HC am Mittwochabend, das die Schweriner trotz toller kämpferischer Leistung und Moral mit 26:28 verloren. Zu dem Spiel hatte Diestel extra den ins Auge gefassten Hauptsponsor eingeladen, zum erhofften Vertragsabschluss in letzter Sekunde kam es jedoch nicht. Vielleicht stießen denjenigen auch die Zahl der lediglich 762 Zuschauer ab, die sich in der Halle verloren.

"Mit den 250 000 Euro hätte ich die nächsten zwei, drei Monate Luft gehabt, um in Ruhe weiter nach Geldquellen zu suchen. So lief einfach die Zeit davon", so Diestel. Er hatte bereits nach seiner persönlichen Tiefenkontrolle bei Amtsantritt "von einer "existenziell bedrohlichen Situation" gesprochen.

Jetzt ist der "Worst Case" eingetreten. Und spätestens nach dem Pleite-Fall Post Schwerin sollte die Lizenzierung durch die HBL wirklich mal hinterfragt werden! Diestel: "Noch nie dürfte eine Profimannschaft mit solch einer Unterdeckung in eine Saison gegangen sein, dass ein ganzer Jahresetat fehlt. Man fragt sich, wie der SV Post überhaupt die Lizenz bekommen konnte!" Der geplante Etat für die Spielzeit betrug 930 000 Euro…

Wie es weitergeht, hängt von dem vom Gericht zu bestellenden Insolvenzverwalter ab. Friedrich Diestel könne sich vorstellen, dass die Mannschaft "auf alle Fälle noch zum Pokal in Nordhorn sowie in Rostock antritt." Den Zweitliga-Spielbetrieb der Mannschaft will man laut Presseerklärung "so lange wie möglich aufrecht halten. Genaueres werden wir erst bekanntgeben können, wenn ein Insolvenzgutachten vorliegt."

Ja, es kann durchaus sein, dass Post Schwerin nicht nur die Saison zu Ende spielen kann, sondern auch die Lizenz für die dann folgende Spielzeit - den sportlichen Klassenerhalt vorausgesetzt - erhält. Präzedenzfall ist hier der DHC Rheinland, der am 19. Mai 2011 von der HBL-Lizen zierungskommission "die Zweitligalizenz unter der Bedingung (erhielt), dass das Insolvenzplanverfahren bis zum 10. Juni 2011 abgeschlossen ist. Dem DHC Rheinland werden in der Saison 2011/12 acht Pluspunkte abgezogen."

So weit ist man in Schwerin freilich noch lange nicht. Diestel, der "so lange weitermachen will, wie ich gebraucht werde", sieht die Insolvenz aber auch als Chance: "Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir in Schwerin eine ganz große Chance haben, mit einem neuen wirtschaftlichen Träger einen Cut zu machen, bei Null anzufangen. Das Ende kann auch ein guter Anfang sein!" Leutershausen (erster Heimspielgegner der Postler - d.A.) habe auch sechs Jahre gebraucht, um wieder zweitklassig zu sein. So lange müsse man laut Diestel hier vielleicht gar nicht warten.

Das sind aber alles ungelegte Eier. Die nächstliegenden Fragen lauten: Bekommt Post Schwerin vom Insolvenzverwalter grünes Licht zum Weiterspielen ? Welche Spieler, die gestern informiert wurden, bleiben bei der Stange? Lässt sich Profi-Handball in Schwerin, angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes, überhaupt in Zukunft platzieren?

Aber auch für die in der Vorsaison ins Leben gerufene eingleisige zweite Handball-Bundesliga der Männer ist die Nachricht aus Schwerin eine Hiobsbotschaft. Nach der HSG Düsseldorf und dem DHC Rheinland, deren Wirtschaftsträger vor Monaten Insolvenz anmelden mussten, ist Post Schwerin der nächste Pleitier. Und das faktisch mit Saisonstart - das gab’s noch nie!

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