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Schallwellen helfen bei der Diagnose : Baumdiagnose mit künstlichem Specht

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Ein Brandenburger Gutachter analysiert Schäden im Wald mit dem „Picus“. Dieser künstliche Specht untersucht den Baum mit Hilfe von Schallwellen und macht das Anbohren der Bäume überflüssig.

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erstellt am 01.Apr.2011 | 12:28 Uhr

Fürstenberg | Ein eigenartiger Gürtel mit 13 blauen Kästchen ist um die dicke, alte Pappel am Fürstenwalder Spreeufer gespannt. "Das sind Schallsensoren, anhand derer wir sozusagen in das Bauminnere schauen, ohne den Stamm anbohren zu müssen", sagt Biologe Bernd Gustke. Er zeigt auf einen tragbaren Computer, der mit den Sensoren verbunden ist. Vor zehn Jahren hat der Eberswalder Baumgutachter den "Picus", lateinisch für Specht, entwickelt und ist auch selbst damit im Einsatz.

Das Gerät wertet die Schallwellen aus, so dass auf dem Monitor eine grafische Darstellung des Stammquerschnitts entsteht, erklärt Gustke. Die hochpräzisen Sensoren erfassen die Laufzeiten der Schallimpulse. Da die Schallwellen Hohlräume oder faulige Stellen umrunden müssen, brauchen sie entsprechend länger. Er selbst arbeitet mit dem "Picus" im Auftrag von Kommunen oder auch der Deutschen Bahn, sagt Gustke. "Gegenwärtig überprüfen wir die Bäume auf sämtlichen Bahnhöfen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern sowie in Teilen Brandenburgs", erzählt er.

Nur das Innere offenbar kranker Gewächse untersucht

Zunächst wird stets eine visuelle Baumschau gemacht, bei der nach Totholz, morschen Stellen, Baumhöhlen und sichtbar beschädigten Wurzeln gesucht wird, wie Gustke erklärt. Erst bei Gehölzen, die augenscheinlich krank oder geschwächt sind und deren Verkehrssicherheit nicht mehr garantiert werden kann, macht sich der Gutachter an die Erkundung des Innenlebens. Der "Picus" kommt laut Gustke allerdings erst nach der Frostperiode zum Einsatz. Da die Feuchtigkeit im Baum bei Minusgraden gefriere, könne dies die Messungen verzerren.

Rund 7300 Bäume an Straßen, in Parks, auf Spiel- und Schulplätzen kontrollieren Baumgutachter auf diese Weise im Auftrag des Fürstenwalder Grünflächenamtes. Dort ist man froh über die neuen Untersuchungsmethoden, durch die die Bäume selbst nicht beschädigt werden. Nach Angaben der Fürstenwalder Grünflächenbeauftragten Susanne Kleinschmidt investiert die Stadt jährlich rund 150.000 Euro in die Baumpflege. "Wir haben nur etwa ein Drittel Jungbäume, dafür zwei Drittel sehr alte Bäume. Die mittleren Jahrgänge fehlen, weil zu DDR-Zeiten kaum neu gepflanzt wurde", sagt Kleinschmidt.

Die Pappel mit dem Gürtel um den Stamm ist bereits bei der visuellen Baumschau ins Visier des Gutachters geraten. Der Baum hat ein auffälliges Loch im Stamm. "Vermutlich ist an dieser Stelle vor Jahren einmal ein Nebenstamm ausgebrochen, und diese Wunde fault in den Stamm hinein", glaubt der Fachmann. Der Stammquerschnitt auf dem Monitor zeigt viel Blau und Violett - Laut Gustke sind dies die Farben für Fäulnis und Totholz.

"Da kann man von Glück reden, das der Baum noch nicht auseinandergebrochen ist", meint er. Er weist auf ein weiteres Gerät am Pappelstamm. Der schwarze Kasten mit Antenne nennt sich "Baumlibelle", funktioniert wie eine elektronische Wasserwaage und misst die Schwingungen des Baumes im Wind. Im Sekundentakt werden Signale an den Computer gesendet. "Mit Hilfe dieser Daten können wir Aussagen zur Standsicherheit des jeweiligen Gehölzes machen", sagt Gustke. Bei der Pappel ist diese Untersuchung nur noch eine Formsache, weil ihr Todesurteil durch die "Picus"-Auswertung so zu sagen schon besiegelt sein dürfte.

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