Seit gestern produzieren die 21 Räder des Windparks Strom : Baltic 1: Start unter Volllast bei Windstärke 7

Nicht nur einen Blick riskiert hat gestern Kanzlerin Angela Merkel beim Flug über die Windparkanlage 'Baltic 1'.  dpa
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Nicht nur einen Blick riskiert hat gestern Kanzlerin Angela Merkel beim Flug über die Windparkanlage "Baltic 1". dpa

Der erste deutsche Ostsee-Windpark „Baltic 1“ mit 21 Windrädern ist gestern im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Betrieb genommen worden. 50 000 Haushalte sollen mit Strom versorgt werden.

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02. Mai 2011, 07:46 Uhr

Zingst | Draußen raunen Volk, Meer und Wind, drinnen raunt die Politik: "Wir werden auch weiter einen Energiemix brauchen, wenngleich der Ausstieg aus der Kernenergie deutlich beschleunigt werden soll", sagt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor den vielen geladenen Gästen im Festzelt in Zingst zur offiziellen Einweihung des ersten privat finanzierten Windparks auf der Ostsee "Baltic 1". Wann genau der Ausstieg bewerkstelligt sein soll, sagt sie nach wie vor nicht.

Dirk Reinhold aus dem Vogtland steht mit zahlreichen anderen vor der Absperrung zum Zelt und will Kanzlerin gucken. "So ein Windpark auf See ist eine gute Lösung, besonders, wenn man bedenkt, was in den vergangenen Monaten passiert ist", meint der Urlauber. Die so genannten Offshoreanlagen könne er schon akzeptieren. "An Land verschandeln sie aber doch das Bild", sagt Dirk Reinhold nur wenige Meter vom Stand entfernt, von dem aus sich die Türme und Rotoren der 16 Kilometer entfernten Anlage eher wie Streichhölzer ausnehmen.

Akzeptanz ist ein Wort, dass auch drinnen die Runde macht. Ob bei der Kanzlerin, die eine "Mentalität in unserem Land" einfordert, "in der die Energiewende vollzogen werden kann". Ob beim Chef des Netzbetreibers 50Hertz, Boris Schucht, der sich für den Leitungsbau an Land einsetzt, der noch auf "erhebliche Akzeptanzprobleme" stoße. Schließlich müsse der auf See produzierte Strom ja auch zu den Verbrauchern im Süden, Westen und Südwesten transportiert werden. Oder bei Hans Peter Villis, Vorstandschef des Energieriesen EnBW, der "Baltic 1" bauen ließ und nun betreibt. "Akzeptanz - gerade auf Grund der Erfahrungen mit Stuttgart 21 - wird nötig sein", sagt er. Denn neben dem Leitungsbau an Land sind ja auch die Offshoreanlagen selbst nicht unumstritten. Das Risiko für Schiffsunfälle könnte sich erhöhen, der Vogelzug und auch die Schweinswale beeinträchtigt werden, befürchten Umweltschützer.

Nichtsdestotrotz scheinen sich zumindest im Festzelt alle einig - "ein neues Kapitel der Energiewende in Deutschland ist aufgeschlagen", wie es die Kanzlerin formuliert. Und Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) nennt den anstehenden Netzausbau sogar "die wichtigste nationale Infrastrukturaufgabe". Kein Wunder, denn von der Investitionssumme in Höhe von 300 Millionen Euro für "Baltic 1" seien 40 Prozent an Wertschöpfung in Mecklenburg-Vorpommern geblieben, rechnet der Regierungschef vor, der sich sicher schon die Hände mit Blick auf das nächste Projekt reibt - für "Baltic 2" sollen sogar eine Milliarde Euro investiert werden. Laut EnBW-Chef Villis sollen sich dann ab dem Jahr 2013 ungefähr 32 Kilometer nördlich vor Rügen die Rotoren von 80 Windkraftanlagen drehen. Beim Park vor dem Seebad Zingst sind es noch 21, die gestern bei Windstärke sieben unter Volllast wirbeln, als Bundeskanzlerin, Sellering und Villis gemeinsam den symbolischen Startknopf auf der Halbinsel Fischland-Darß drücken. Bis 2030 sollen übriges vor den Küsten Deutschlands Windenergieanlagen mit einer Leistung von 25 000 Megawatt entstehen. Das entspricht der Kapazität von gut 20 Kernkraftwerken, die in Deutschland in absehbarer Zeit vom Netz genommen werden sollen.

Dass indes potenzielle Bauherren und Betreiber von Offshore-Anlagen finanziell der Schuh drückt, erwähnt dann Merkel. "Es gibt eine schwierige Situation hinsichtlich der Investitionen. Deshalb ist der Staat bereit, ein bestimmtes Programm aufzubauen", verspricht die Kanzlerin. So sei vom Bund angestrebt, dass die KfW-Bank ein Kreditvolumen von fünf Milliarden Euro für erneuerbare Energien bereitstellt: "Es gibt gute Chancen, dass das kommt."

Wer jedenfalls weiter kommt, sind die Gäste in Zingst. Lange gab es Befürchtungen, dass die Anlage Urlauber abschrecken könne. Doch "die fragen höchstens danach, wie weit die Anlage entfernt ist", freut sich Stefan Krietsch, Geschäftsleiter eines Cafés an der Seebrücke und neben dem Festzelt, durch dessen Planen der Wind knattert. Ihn selbst stört die Anlage ebenfalls nicht, sagt der Gastronom: "Das ist so weit weg und außerdem besser, als direkt neben einem Wohngebiet."

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