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Lokales

11. Dezember 2017 | 10:59 Uhr

Auf der Spur menschlicher Abgründe

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erstellt am 08.Sep.2010 | 07:10 Uhr

Neustadt-Glewe | Was den Landeshauptstädtern ihr geliebtes "Petermännchen", ist den Lewitzstädtern mittlerweile wohl ihr "Stadtwächter." Verkörpert wird das mit Filzhut, Mantel, Hellebarde und Laterne kostümierte Original von Frank Restel. Er bietet seit zwei Jahren Stadtrundgänge der etwas anderen Art in Neustadt-Glewe an. Denn sein Wohnort, am Südrand der Lewitz gelegen, ist ein recht malerisch-mecklenburgisches Städtchen. Fachwerkhäuser, Schloss, Burg, verwinkelte Gassen - das alles wirkt von außen recht beschaulich. An Vergewaltigung, gar Mord oder andere kriminelle Missetaten denkt man deshalb bei einem Rundgang durch die verwinkelte Altstadt nicht - es sei denn, man unternimmt ihn zusammen mit Restel. Der gebürtige Gardelegener aus Sachsen-Anhalt bietet nämlich anderthalbstündige "kriminal historische" Stadt führungen an, um auf den Spuren von Mördern, Dieben und Kleinkriminellen durch die Jahrhunderte zu wandeln. Das hat es in Neustadt-Glewe bisher nicht gegeben. "Alles über die Sehenswürdigkeiten finden die Gäste unserer Stadt ja auch in Reiseführern, aber Kriminalgeschichten nicht", schmunzelt der 59-Jährige.

Blick in die dunklen Seiten der Stadt durch Archive erlangt

Für den Blick in die dunklen Seiten der Stadt hat er in Archiven des Kreises sowie des Landes gestöbert und Aufregendes entstaubt. So erregte beispielsweise der Mord an dem Nachtwächter Both im Jahre 1852 einst die Gemüter. Both, der viele Räuber auf frischer Tat ertappte, wurde mit einem Schrotgewehr "meuchlings ermordet", wie es in den Polizeiakten hieß. Über eine Vergewaltigung berichtete auch der "Neustädter Anzeiger" am 8. August 1896. Frank Restel zeigt den Touristen die Stelle auf dem Kietz, an der damals eine Hemdmanschette gefunden wurde. Sie führte zum Täter - einem höhergestellten Bediensteten der Stadt.

Gestöbert wird übrigens regelmäßig in den vergilbten Zeitzeugen. Unterstützt wird Restel dabei von Rita Warnecke vom hiesigen Kultur- und Heimatverein. Dabei entdeckten die Beiden auch die nicht ganz so spannende Sache mit Fräulein Zapfes Haus. Weil der Kaufmann Carl Graff jun. "in der Nacht vom 18. zum 19. Mai 1932 an das Schaufenster des Hauses des Fräulein Zapfe sein Wasser abgeschlagen" habe und dabei vom Nachtwächter Hagen gesehen worden sei, habe er 20 Reichsmark zahlen müssen. Davon erzählt Frank Restel, wenn er vor der heutigen Raiffeisenbank - einst Ort des peinlichen Geschehens - angekommen ist. "Das war damals immerhin eine astronomisch hohe Summe, die heute etwa 1000 Euro bedeuten würde."

Bei seinen Rundgängen gehe es aber nicht nur dramatisch zu, meint er weiter. Beim Fachwerkhaus Nr. 5 in der Burgstraße, im 18. Jahrhundert erbaut, mache er zum Beispiel auf die Haustür aufmerksam - ein wahres Schmuckstück. Am Schloss, das wohl zu den bedeutendsten Bauten des mecklenburgischen Barock zähle, gehe es ebenfalls vorbei. Und natürlich kann Frank Restel auch die Sage vom Kloster im Neustädter See erzählen. Wo sich jetzt das Wasser erstreckt, soll in vergangenen Zeiten ein großes Kloster mit mächtigen Türmen und herrlichen Glocken gestanden haben. Die Bewohner aber haben einen sehr ruchlosen Lebenswandel geführt, und so sei das verdiente Strafgericht hereingebrochen und das mächtige Kloster untergegangen. Von all seiner Pracht wäre nicht eine einzige Spur übriggeblieben, erzählt man sich.

Auch die weiße Frau im Schloss, die im 17. Jahrhundert die Dienstmagd Isolde gewesen sein soll, beschäftigt heute noch einige Gemüter. Diese habe, so Restel nach einer Sage, die von der örtlichen Malerin Christa Schenk aufgeschrieben wurde, sich in den Feldherrn Wallenstein verliebt. Als sie neues Leben unter ihrem Herzen gespürt habe und der Offizier sich deshalb von ihr abwandte, versuchte das unglückliche Frauenzimmer ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen. "Sie wollte sich in die Elde stürzen. Doch die Elfenkönigin Julia verwandelte die gebrochene Magd in eine Elde-Nixe, die in Zukunft über alle weiblichen Bewohner des Schlosses schützend ihre Hand zu legen hatte", berichtet Frank Restel, während er mit großen Gesten und lautstarker Stimme zumindest gedanklich zurück in die Vergangenheit reist.

"Ich denke, man kann den Gästen und Touristen unsere tolle Stadt zeigen. Da sind eben auch private Initiativen gefragt", sagte sich 2008 Malerin Christa Schenk und schritt zur Tat. Sie lud eine erfahrene Gästeführerin aus Schwerin und Frank Restel, den professionellen Unterhalter, zu sich nach Hause ein, um gemeinsam Ideen auszutauschen. Die Schwerinerin Berthild Horn, bekannt als das "Petermännchen" , gab den Neustädtern schließlich Schützenhilfe. Half beispielsweise mit einem Kostüm aus, bis sich Restel seine eigene Gewandung hatte anfertigen lassen.

Buga bescherte allein im letzten Jahr 46 Führungen

"Durch die Buga hatte ich allein im letzten Jahr 46 Führungen," rechnet Frank Restel vor und ergänzt: "Neustadt-Glewe hat einen gewissen Nachholebedarf in Sachen Tourismusvermarktung. Burgfest und Schützenfest reichen längst nicht aus." Mit Kostüm-Stadtführungen, die privat in kleinen Gruppen, aber auch von Hotels und Reiseveranstaltern in größerem Rahmen abgesprochen und gebucht werden können, sowie auf Familienfesten, Geburtstagen und Hochzeiten bietet Restel seine erlebnisreichen Runden an. "Wenn ich tatsächlich mal verhindert bin, springt Berthild Horn für mich ein."

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