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Bildungsbericht 2011 : Auf dem Silbenteppich ins Buchstabenland

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Fast jeder zweite Drittklässler in MV kann nicht richtig lesen. Das ist das Ergebnis des Bildungsberichtes 2011. Viele der Kinder können im Text verstreute Informationen nicht filtern. Das Problem ist wohl bekannt.

Malchin/ Stavenhagen | Fast jeder zweite Drittklässler in Mecklenburg-Vorpommern kann nicht richtig lesen. Das ist das Ergebnis des Bildungsberichtes 2011. Viele der Kinder können im Text verstreute Informationen nicht filtern. Die Infos dann sinnvoll zu verknüpfen und den Text ansatzweise als Ganzes zu verstehen, ist für 40 Prozent der Schüler der dritten Klassen kaum machbar, besagt die Studie.

Das Problem ist wohl bekannt: Bereits seit Jahren sind die Zahlen ähnlich alarmierend. Die Schulen des Landes stehen vor einer großen Herausforderung: Wie ist die Leseschwäche zu meistern? Wie können Kinder so gefördert werden, dass sie am Ende der Grundschule richtig und sicher lesen und schreiben können?

"Ma, Me, Mi, Mo, Mu - Ra, Re, Ri, Ro, Ru" - klingt es im Chor aus einem Klassenraum auf den Flur der Fritz-Reuter-Grundschule in Stavenhagen (Landkreis Demmin). Das ist die zweite Klasse von Hannelore Deepe, Beratungslehrerin für den Bereich Lese- und Rechtschreib-Schwäche (LRS). Die zwölf Kinder ihrer LRS-Klasse üben Silbenteppiche.

Schulkinder aus Stavenhagen, Malchin, Jürgenstorf, Gielow und Altentreptow, bei denen eine Lese- und Rechtschreib-Schwäche festgestellt wird, kommen in LRS-Klassen. Das Konzept: Zwei Jahre lang intensiv lesen und schreiben zu lernen. Die Kinder haben anstatt der regulären sieben Stunden Deutsch in der Woche zwölf Stunden. Und die Deutschstunden sehen anders aus als bei anderen Klassen: Die Kinder kneten Buchstaben, sticken sie oder malen das ABC in den Sand.

Nicht jedes Kind kann die Laute richtig heraushören

Im Standard-Deutschunterricht schrumpft "Mama" zuerst auf ein "Mam", auf ein "Ma", zuletzt auf ein "M". Buchstabe für Buchstabe setzten die Kinder "Mama" dann wieder zusammen. So soll die Struktur der Worte erfasst werden. "Aber nicht jedes Kind hört alle Laute, aus denen Mama besteht", macht Hannelore Deepe klar. Die Konsequenz: Das Kind versteht die Zusammenhänge zwischen den Silben nicht - kann also auch nicht lesen lernen. "Wenn es mit der Standard-Methode nicht klappt, dann muss man eben eine andere ausprobieren", findet die Lehrerin.

Sie bringt den Kindern ihrer LRS-Klasse das Lesen nach dem sogenannten Kieler-Leseaufbau bei. "Wir haben Silbenteppiche, mit denen die Kinder lernen, bestimmte Laute zu hören." Ma, Me, Mi, Mo, Mu - ist so ein Silbenteppich. Aus den verschiedenen Silben lassen sich nach und nach neue Wörter bauen. Jedem Buchstaben ist dabei eine Gebärde zugeordnet. Anfangs macht Hannelore Deepe die Silben und Gebärden vor. Dann wird der Spieß umgedreht, und die Kinder bauen selbstständig Wörter. Ziel der LRS-Klassen ist es, dass die Schüler am Ende der dritten Klasse lesen können. "So gut, dass sie sich in der Vierten zurechtfinden." Denn die vierte Klasse besuchen sie wieder regulär mit den anderen Kindern zusammen.

Förderung der Kinder läuft über zwei Jahre

Am Ende der ersten Klasse werden alle Schüler auf Lese- und Rechtschreib-Kompetenzen getestet. Dann kann die Förderung über zwei Jahre laufen, erklärt Hannelore Deepe. Die Kinder, bei denen die Lehrer eine verminderte Entwicklung der Lesefähigkeit feststellen, werden - mit Zustimmung der Eltern - dem Diagnostischen Dienst des zuständigen Schulamtes gemeldet. Von dort geht die Empfehlung aus, leseschwache Kinder in eine der LRS-Klassen zu schicken. Der Test: Die Schüler müssen einfache Wörter und sogenannte Pseudo-Wörter - Wörter ohne Bedeutung - lesen. Der Trick dabei ist, die unbekannten Wörter in stimmige Silben zu gliedern. "Wer nicht lesen kann, der kann auch die Pseudo-Wörter nicht in Silben gliedern", sagt die Lehrerin. So können die Diagnostiker erkennen, wo das Kind gefördert werden muss.

Kinder finden Lesen toll, sagt Hannelore Deepe. Doch sie wollen und brauchen Hilfe. Ohne die Eltern sind die Lehrer machtlos. Laut Bildungsbericht schafft es lediglich ein Fünftel der Kinder in MV nur mit intensiver Förderung durch die Eltern noch bis zum Abschluss der 4. Klasse, das Lesen soweit zu lernen, dass sie ohne Probleme in Klasse fünf weitermachen können. Doch die Förderung bliebe oft aus: Die Schüler würden kaum noch zu Hause lesen, bedauert die Lehrerin.

Dabei wollen alle Kinder lesen lernen, sagt Hannelore Deepe. Aber sobald eine gewisse Fülle von Buchstaben erreicht sei und sie nicht mehr hinterherkommen, mache sich Frustration und Leseunlust breit. Die Grundschullehrer in Stavenhagen versuchen deshalb, ihre Schüler an Bücher heranzuführen, sie zum Lesen zu motivieren. Und sie sprechen regelmäßig die Eltern an, mit ihren Kinder zu üben. Trotz allem würden die Daten aus dem Bildungsbericht sich auch bei ihnen bestätigen, so die Lehrerin. Nicht in jedem Jahrgang - aber im Durchschnitt schon.

Die Förderung sei jedoch ein guter Weg mit der Lese-Rechtschreib-Schwäche umzugehen, findet Hannelore Deepe. Drei Kinder der LRS-Klassen haben jetzt sogar am Lesewettbewerb der Schule teilgenommen. Dort treten die Lesekönige aller Klassen an, um sich im Vorlesen zu messen. Die drei Schüler, die als Nicht-Leser angefangen haben, haben sich getraut, vor allen anderen Kindern vorzulesen. Und das ist doch schon mal was, sagt sie.

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erstellt am 24.Jun.2011 | 07:30 Uhr

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