zur Navigation springen

Birgitt und Dietmar Flögel haben fünf Kinder, zwei davon sind herzkrank : Auch Sorgenkinder sind Sonnenkinder

vom

Als Michel geboren wird, bleibt sein Gesicht blau. Die Ärzte warten nervös darauf, dass sich die Haut rötlich färbt, doch nichts passiert. Schließlich tragen die Mediziner den Neugeborenen weg. Weg von seiner Mutter Brigitt Flögel.

svz.de von
erstellt am 07.Jan.2011 | 07:42 Uhr

Ludwigslust | Als Michel geboren wird, bleibt sein Gesicht blau. Die Ärzte warten nervös darauf, dass sich die Haut rötlich färbt, doch nichts passiert. Schließlich tragen die Mediziner den Neugeborenen weg. Weg von seiner Mutter Brigitt Flögel. Ihr bleibt nicht einmal Zeit, ihren Sohn in die Arme zu schließen. Nach zwei Stunden die Diagnose: Transposition der großen Arterien. Vater Dietmar Flögel weiß genau, was das heißt, er ist Anästhesist. Lungen- und Körperkreislauf sind getrennt. In den ersten 48 Stunden müssen die Ärzte das kleine Herz operieren - sonst erstickt Michel.

Gut hört sich das für die Ohren der Mutter nicht an. Von dem Herzfehler zu hören macht sie traurig. Doch die Hoffnung verliert sie nicht. "Ich bin ein total optimistischer Mensch, und irgendwie konnte ich die Zuversicht selbst in dieser Situation behalten", sagt Birgitt Flögel, wenn sie an ihre Gefühle nach der Diagnose zurückdenkt. Auch ihr katholischer Glaube habe ihr dabei geholfen, mit der Diagnose umzugehen.

Michel übersteht die Herz-Operation

Die ersten beiden Kinder, Zwillinge, waren acht Jahre zuvor bei ihrer Geburt vollkommen gesund. Und nun das Herzkind, wie die Mutter liebevoll sagt. Ein zweiter Eingriff innerhalb des ersten Lebensjahres ist lebenswichtig. Die Flögels lernen eine Familie kennen, deren Kind den gleichen Herzfehler hat. Die Familien freunden sich an, leiden miteinander. Auch bei diesem Herzkind steht die zweite Operation an. Es stirbt. Auch für Familie Flögel eine schreckliche Nachricht. "Ich habe danach eine Woche lang fast nur geschlafen, damit ich nicht darüber nachdenken muss", erinnert sich Birgitt Flögel. Auch bei Michel steht die Operation an. Er überlebt. Seither geht es dem heute 17-Jährigen gut.

Lena hat einen Herzfehler und das Down-Syndrom

Nach der Geburt des gesunden Kindes Marie wird Birgitt Flögel vor elf Jahren erneut schwanger. Doch irgendetwas stimmt mit Lena nicht. Eine Woche dauert es, bis die Ärzte den Eltern ihre Diagnose mitteilen: Down-Syndrom. Fünf Monate später der nächste Schock: Auch Lena hat einen Herzfehler, ein Loch in der Herzkammer. Wieder eine harte Zeit, als die Operation des Herzens ansteht. Auch Lena wird in Rostock operiert, auf der gleichen Station wie Michel. Auch diese Operation ist erfolgreich. Die heute zehnährige Lena hat keine Probleme mehr mit ihrem Herzen.

Auch ihre Behinderung hat die Familie nicht entmutigt. Im Gegenteil. Lena ist ein fröhliches Kind. Während ihre 15-jährige Schwester auf dem Sofa liegt und ein Buch liest, springt Lena durch das Wohnzimmer. Unter dem Tannenbaum, der noch immer in der Stube steht und bis zu den Holzbalken an der Decke ragt, baut sie eine Playmobil-Landschaft auf. Im Hintergrund steht ein Klavier. Nach ein paar Minuten springt Lena von den Holzdielen auf und rennt zum Klavier. Sie setzt sich auf den Schemel, drückt ein paar Tasten. Eine einfache Melodie erklingt. "Hast du gehört?", fragt Lena ihre Mutter. Brigitte Flögel nickt und lacht ihre Tochter dabei an.

"Dass Lena sich so gut entwickelt, das liegt auch an der guten Förderung", ist sich die fünffache Mutter sicher. Lena nimmt Klavier- und Ballettunterricht und besucht die dritte Klasse der katholischen Edith-Stein-Grundschule in Ludwigslust. Das ist keine Sonderschule. Wohl aber eine ganz besondere Schule. Denn hier lernen behinderte und nichtbehinderte Schüler zusammen. Als Lena vor ein paar Tagen Geburtstag hatte, kamen zehn Kinder zu Besuch. Sie fühlt sich wohl in der Klasse. Und hat auch schon viel gelernt: Sie kennt alle Laute und die dazugehörigen Buchstaben, kann nach Diktat schreiben und mit allen Zahlen bis zur Zahl acht rechnen.

Blick auf das Leben hat sich durch Krankheiten verändert

Alle ihre Kinder betrachtet die 51-Jährige Mutter als Segen. Auch, vielleicht sogar gerade wegen ihrer Schwächen und Krankheiten. Durch die Kinder hat sich ihr Blick auf die Welt und das Leben verändert. "Vieles über das ich mich früher aufgeregt habe, nehme ich heute gelassen", sagt die gelernte Krankenschwester. Ihr sei auch viel deutlicher bewusst geworden, wie endlich das Leben sei und das man jeden einzelnen Tag deshalb noch intensiver und bewusster auskosten und genießen müsse. "Ich selbst bin Einzelkind, habe mir immer viele Kinder gewünscht", sagt die Ludwigslusterin. Sicher ist sie sich auch, dass sich die gesunden Geschwister durch die Krankheiten von Bruder und Schwester anders entwickelt haben, als das ohne die Erkrankungen der Fall gewesen wäre: "Sie sind sehr verantwortungsvoll und fürsorglich, dafür bin ich sehr dankbar."

Verein Herzkind hilft Familien

Gespräche mit den Eltern herzkranker Kinder haben dem Ehepaar sehr geholfen. Über den Verein Herzkind haben die Flögels andere "Herzfamilien" kennengelernt. Rund 1000 Mitgliedsfamilien gibt es laut Verein bundes-, 22 landesweit. Auch dadurch sei es ihr leichter geworden, mit den Krankheiten ihrer Kinder umzugehen. Besonders ein gedanklicher Schritt habe ihr geholfen: "Ich bin von der Frage ,Warum ich? zu der Frage ,Warum ich nicht ich? gekommen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen