Ein Angebot des medienhaus nord

VS-Skandal 1386 Anleger geprellt

Von Frank Pubantz | 02.09.2009, 01:57 Uhr

Nun ist die Katze aus dem Sack: Zwei Immobiliengesellschaften unter dem Dach der Volkssolidarität mit Sitz in Güstrow sind am Ende. Das Amtsgericht Rostock eröffnete gestern die Insolvenzverfahren. Millionen Euro sind futsch. 1386 Anleger könnten nahezu leer ausgehen, denn: Immobilien sind fast wertlos oder kaum zu verkaufen. Staatsanwälte gehen von Betrug aus.

Gestern reiste ein brisanter Brief zum Amtsgericht Rostock: ein Gutachten des Insolvenzverwalters Herbert Hülsbergen aus Rostock zu zwei Immobilien-Gesellschaften der Volkssolidarität (VS). Der Anwalt hat Monate für die Aufarbeitung des Falles gebraucht. Ergebnis: Beide Gesellschaften - die Volkssolidarität-Sozial-Immobiliengesellschaft mbH und die Volkssolidarität-Sozial-Immobilienfonds GmbH & Co. KG - seien "zahlungsunfähig und überschuldet". Betroffen seien 1386 Anleger mit Gesamtforderungen von 6 998 588,57 Euro. Schlechte Nachricht für Anleger der KG: Es bestehe "die Gefahr des Totalverlustes" - 5,5 Millionen Euro. Bei der GmbH gebe es "die Chance auf eine kleine Quotenzahlung unterhalb von fünf Prozent", so Hülsbergen. Das Amtsgericht Rostock wollte die Insolvenzverfahren gestern noch eröffnen; eine offizielle Bestätigung steht aber noch aus.

Das vorhandene Kapital reiche aus, "um die Verfahren zu eröffnen", so Hülsbergen. Dass noch Geld aus dem Verkauf von Immobilien hereinkommen könnte - der Insolvenzverwalter klingt skeptisch. Ein Blick auf die Immobilien, die die beiden betroffenen Gesellschaften verwalteten, verrät warum. Beispiele: ein ehemaliges Schullandheim in Dabel, das jetzt leer steht. Ein altes Obdachlosenheim in der Güstrower Lagerstraße. Eine Kita in Langhagen. Ein Jugendklub und die Geschäftsstelle der Volkssolidarität in Bützow. Ein Gebäude für Betreutes Wohnen in Jürgenshagen. Eine Seniorenbegegnungsstätte in Bossow bei Krakow am See. Fast alles Sozial-Immobilien, die schwer zu vermitteln seien. Wer kaufe schon eine Kita? So fragt Hülsbergen, dessen Auftrag es ist, Geld für Gläubiger herauszuholen. "Man muss aber versuchen, Käufer zu finden", erklärt er. Für Immobilien mit Nutzung in der Betreuung hätten sich bereits "Kirschenpicker" gemeldet. Ebenfalls im Bestand sind Ferienwohnungen in Kühlungsborn, nach Informationen dieser Zeitung auch ein Wohnhaus im Güstrower Thünenweg. Pikant: Der Mieter soll Lothar Viereck, früherer Fonds-Geschäftsführer und langjähriger Kopf des Regionalverbandes Mecklenburg Mitte der Volkssolidarität, sein.

Die Staatsanwaltschaft Rostock ermittelt seit Wochen gegen Viereck und den für nur wenige Monate als Fonds-Chef eingesetzten Ulf G., der im Mai das Handtuch warf. "Es geht um eine umfangreiche Wirtschaftsstraftat", sagt Oberstaatsanwalt Peter Lückemann. "Wir ermitteln wegen des Vorwurfs der Insolvenzverschleppung, des Betruges und des Kapitalanlagenbetruges", so Lückemann. Es sei zu klären, wann Viereck und auch G. Kenntnis von der desaströsen Finanzlage hatten. Auch Ulf G., wohl erst eingesetzt, als der Karren bereits im Dreck steckte, sei hier nicht außen vor: "Er hätte die Lage erkennen und Insolvenz anmelden können", so der Staatsanwalt. Stattdessen sei immer neues Geld kassiert worden, um alte Löcher zu stopfen. Aufgrund der umfangreichen Aktenlage werden die Ermittlungen einer mehrköpfigen Polizei-Gruppe aber noch Monate dauern. Basis dafür sei auch das jetzt vorliegende Gutachten des Insolvenzverwalters.