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Lokales

24. Oktober 2017 | 00:50 Uhr

Arm und schwanger: Kein Geld für die Pille

vom

svz.de von
erstellt am 18.Aug.2010 | 01:30 Uhr

Sternberg | Deutlich mehr verzweifelte Frauen geben sich in diesem Jahr bei der Sozialpädagogin Barbara Guth, Leiterin der Sternberger DRK-Schwangerschaftskonflikt-Beratungsstelle, die Klinke in die Hand. Gegenüber August 2009 sind es immerhin acht Prozent mehr Klientinnen, berichtet die Sozialpädagogin. Was sie von den Frauen hört, macht sie wütend. Die Schwangerschaften seien zum überwiegenden Teil ungewollt. Doch die Frauen leben von Hartz IV. 30 Euro für Verhütungsmittel im Quartal plus 10 Euro Praxisgebühr sind für alle, die im unteren Einkommensbereich leben, sehr viel Geld, das sie einfach nicht haben, weiß die Sozialpädagogin. Und die Krankenkassen zahlen die Pille nicht. Von dem Einsatz einer Spirale können diese Frauen nur träumen, so Barbara Guth. Hier würden sogar Kosten von 150 bis 400 Euro zu Buche stehen. Was bleibt sind Schwangerschaftsabbrüche mit all den Risiken und Problemen. "Die Frauen spielen also notgedrungen russisch Roulette. Und hoffen, dass sie nicht schwanger werden." Der Widersinn sei, so prangert Barbara Guth auch in ihrem aktuellen Bericht an das Sozialministerium an, dass die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch vom Staat übernommen werden. "Da stellt sich doch die Frage: Wäre es nicht sinnvoller und verantwortungsbewusster, einkommensschwachen Frauen nicht nur den viel teureren Schwangerschaftsabbruch, sondern vor allem die Verhütungsmittel zu bezahlen?", fragt Barbara Guth.

Noch ein anderes Problem bewegt zunehmend eine größere Zahl an Frauen: der Arbeitsplatzmangel, besonders im Sternberger Seenland mit einer Arbeitslosenquote von 13,2 Prozent im Juli 2010. Und die zahlreichen befristeten Beschäftigungsverhältnisse. "Ich kann jetzt auf keinen Fall ein Kind bekommen. Ich habe einen Job in Aussicht" - so zitiert Barbara Guth eine Frau, die bei ihr Hilfe suchte. Eine andere sagte: "Ich habe die Hoffnung auf ein Praktikum und vielleicht auf eine Ausbildung. Wenn ich jetzt ein Kind bekomme, ist meine berufliche Karriere beendet, bevor sie begonnen hat."

Problematisch ist für die Frauen auch das geringe Elterngeld, das zwar erhöht wurde, deren Bezugszeiten sich aber verringerten. "Wer nur einen befristeten Vertrag hat, dem wird der Verdienst durch 12 Monate geteilt. Mit dem Ergebnis, dass sich die Höhe des Elterngeldes deutlich verringert, meist bis auf den Sockelbetrag von 300 Euro. Dies aber nur noch 14 bzw. 12 Monate. "Rund die Hälfte der Antragstellerinnen bei uns bekommen nur den Sockelbetrag", sagt die Fachfrau. Da die Bezugszeit sich aber verringert hat, habe diese Regelung für die meisten jungen Familien in Mecklenburg-Vorpommern Einbußen von rund 3600 Euro gebracht, so die Sozialpädagogin. So werde es Frauen nicht leicht gemacht, sich für ein Kind zu entscheiden.

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