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Lokales

17. November 2017 | 18:49 Uhr

Anschlag auf das Lenin-Denkmal?

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svz.de von
erstellt am 27.Okt.2010 | 07:25 Uhr

Muesser Holz | Zum nunmehr zweiten Mal haben Unbekannte die Gedenktafel am Fuße des Leninstandbildes an der Kreuzung Hamburger Allee und Plater Straße zerstört. Das "Säureattentat", wie FDP-Stadtvertreter Stev Ötinger es bezeichnet, ereignete sich schon im Juli. Zwar wurde der Sockel inzwischen repariert, doch der Schriftzug fehlt noch. "Es ist schlimm genug, dass Lenin hier überhaupt noch steht", sagt Stev Ötinger. Aber ohne zusätzliche Informationen, die auch an die Verbrechen des Revolutionsführers erinnern, sei das Denkmal nicht tragbar. "Das ist ein Schlag ins Gesicht aller Opfer des kommunistischen Terrors des 20. Jahrhunderts", empört sich Ötinger und nimmt die Stadt in die Pflicht: Die müsse ein schärferes Auge haben auf den Zustand ihrer Denkmäler - und um deren Aussage. "In diesem Fall hätte sich die Verwaltung früher und schneller kümmern müssen. Schließlich ist die Maßgabe der Stadtvertretung seit 2007: Lenin in Schwerin gibt es nur mit Gedenktafel."

Die überlebensgroße Plastik an der Hamburger Allee ist das westlichste noch erhaltene Lenin-Standbild in Europa. Im Jahr 1985 wurde die vom estnischen Bildhauer Jaak Soans geschaffene Statue in Schwerin aufgestellt - anlässlich der 825-Jahrfeier der Stadt. Mit seinem Titel "Das Dekret über den Grund und Boden" sollte es an die Verkündung der Bodenreform in Russland im Jahr 1917 erinnern.

2007 war die Skulptur heiß umstrittenes Thema in der Stadtvertretung. FDP-Stadtvertreter Christoph Priesemann hatte gefordert, das Lenins Standbild im Mueßer Holz zu entfernen. 19 Abgeordnete stimmten bei der entscheidenden Sitzung im Mai für und 21 gegen den Abriss. Allerdings gab es einen Kompromiss: Eine Informationstafel neben dem Standbild sollte nicht nur den Revolutionsführer und Gründer der Sowjetunion, sondern auch den Diktator darstellen, der Verantwortung trage für die Ermordung von Millionen Menschen. Am 9. November 2007 wurde eine 40 mal 60 Zentimeter große Aluminiumtafel auf einer kleinen Säule rechts neben Lenin aufgestellt, wenige Monate später war sie von Unbekannten bereits so schwer beschädigt worden, dass sie abgenommen und schließlich durch eine Edelstahlplatte im Sockel des Denkmals ersetzt wurde.

Schon bei diesem ersten Vorfall erhitzten sich die Gemüter. Einige Schweriner, unter ihnen auch Ortsbeiratsvorsitzender und CDU-Stadtvertreter Georg-Christian Riedel, vermuteten ein politisches Tatmotiv. Auch Stev Ötinger glaubt nun, dass eine Ideologie hinter der neuesten Zerstörung steckt. "Das sah nicht aus wie die Tat von Vandalen, die nur etwas kaputt machen oder beschmieren wollten. Das war meiner Ansicht nach ein echtes Säureattentat."

Die Stadtverwaltung indes gibt sich gelassen: Für die Gedenktafel fehle jetzt lediglich die Folie mit dem Schriftzug. Die sei bei der Zukunftswerkstatt schon Ende September in Auftrag gegeben worden und liege nun vor. Man warte lediglich auf trockenes Wetter, um sie anzubringen. Die Kosten für die Reparaturmaßnahmen beliefen sich auf rund 150 Euro. Und genau wegen der Geringfügigkeit des Schadens habe die Polizei ihre Ermittlungen in dem Fall schon im September eingestellt, teilte die Stadtverwaltung gestern auf SVZ-Anfrage mit.

Der Text auf der Tafel

Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924): Führer der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917 und Gründer der Sowjetunion. Mit dem „Dekret über den Frieden“ beendete er den Ersten Weltkrieg für Russland. Er führte einen Bürgerkrieg gegen große Teile des eigenen Volkes, um seine Macht zu festigen. Unzählige starben auf seinen Befehl. Er enteignete Kulaken und Bauern und verteilte den Boden an Besitzlose. Lenin zerschlug die demokratischen Parteien und die Kirche in Russland fast vollständig. Sein theoretisches Werk bildete die geistige Grundlage für kommunistische Regime in der ganzen Welt. Lenins Diktatur bereitete den Weg für den kommunistischen Terror des 20. Jahrhunderts, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

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