Als Industriepark gute Karten

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28. Juli 2009, 08:41 Uhr

Rostock | Die Insolvenz der Wadan-Werften trifft auch die Partner aus Lehre und Forschung. Studenten sind verunsichert. Gemeinsame Projekte entfallen. Prof. Martin-Christoph Wanner hofft mit den Schiffbauern auf eine Lösung. Er sieht aber auch Chancen im Neuanfang, bescheinigt Warnemünde gute Karten für einen Industriepark.

"Wir betreiben keine Forschung im Elfenbeinturm", erklärt Prof. Christoph Wanner (60). Über 80 Prozent der Umsätze des von ihm geleiteten Fraunhofer-Anwendungszen trums Großstrukturen und Produktionstechnik (AGP) werden gemeinsam mit Werften realisiert. "Sie sind für uns ein schönes Versuchsfeld, fortschrittliche Designs auszuprobieren", bringt es Wanner auf einen kurzen Nenner. Er führt als Professor zugleich den Lehrstuhl Fertigungstechnik als Teil der Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik der Universität Rostock. Beide Einrichtungen arbeiten eng in Forschung und Lehre zusammen.

Wadan-Werften waren der größte Kunde Das Tätigkeitsfeld umfasst Forschungsaufgaben vom Bauwesen bis zu Schiffbau und Offshore. Werften wie Lürssen in Bremen-Vegesack, die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft, die Thyssen Nordseewerke in Emden, HDW in Kiel, Blohm & Voss in Hamburg, die Hegemann-Werften in Wolgast und Stralsund gehören zu den Partnern. Der größte Kunde waren die Wadan-Werften. Ein Beispiel ist eine Piloatanlage zur bilderkennungsbasierten Programmierung von Bahnschweißrobotern auf der Warnow-Werft. Die Zusammenarbeit war günstig, hatte der Industriepartner doch unmittelbar vor der Haustür seinen Sitz. So ist das Fraunhofer-Institut unmittelbar von deren Pleite betroffen. "Auch wir haben Geld verloren. Eine Sache wurde nicht mehr komplett abgerechnet", berichtet Wanner. Dabei geht es um eine Messeinrichtung. Die hei mische Zulieferindustrie ist insgesamt arg gebeutelt. Es berührt mehr oder weniger etwa einhundert Firmen, die auf einer Plattform das maritime Kooperations-Netzwerk bilden. Die Werften haben viele Arbeiten aus ihrem Produktionsprozess ausgegliedert - ob nun Isolierung, Elektrik oder Lackiererei, um nur einiges zu nennen.

Wie konnte es zu dem Dilemma kommen? Vielleicht habe es das Management versäumt, rechtzeitig auf andere Produkte zu setzen. Vielversprechende Ansätze habe es gegeben. So sei 2006 ein Kompetenzzentrum für die Entwicklung einer neuen Generation von LNG-Carriern unter Regie von Michael vom Baur aus der Taufe gehoben worden. Vielleicht ein wenig halbherzig waren die Werften am Aufbau der Windkraftanlagenindustrie beteiligt. Mit der "Stena Don" hatte die Warnow-Werft ja bereits gute Referenzen für das Offshore-Geschäft erworben. Andere packten die Gelegenheit beim Schopf. So entstand in Cuxhaven eigens ein großes Werk für Offshore-Gründungsstrukturen, geleitet von einem ehemaligen Mitarbeiter der Warnow-Werft. Die Fraunhofer-Crew hat ein Messkonzept für die Montage der Tripile-Fundamente entwickelt.

Haben die heimischen Werften das verschlafen? Im Aker-Konzern waren die Standorte Wismar und Warnemünde als Handelsschiffbauzentrum festgelegt, ihr Spielraum war so offenbar begrenzt, gibt Prof. Wanner zu bedenken. Im Zeichen der weltweiten Wirtschaftskrise ist es nun aber noch schwerer, im traditionellen Schiffbau zum Zuge zu kommen. Herrschte vor Jahren noch ein wahrer Auftragsboom, liegen jetzt hunderte Frachter auf, wurden gerade einmal ein knappes Dutzend Neubauten von den Werften weltweit geordert.

Einen Neuanfang als Chance sehenEin Neuanfang könne deshalb durchaus eine Chance sein, stellt der Wissenschaftler fest. Das Know-how für die Produktion von Großbauteilen sei im Umfeld Rostocks vorhanden. Und bei Forschung und Entwicklung wäre auf Erfahrungen des Schweiß- und Laserzentrums und der Universität zu bauen. Dass dieses Potenzen gefragt sind, würden auch die Ansiedlungen von Liebherr und EEW belegen. Die Warnow- Werft, von vielen zuletzt nur als verlängerte Werkbank von Wismar gesehen, hat laut Wanner sogar bessere Entfaltungsmöglichkeiten als die MTW, deren größeres und überdachtes Baudock im Schiffbau besonders geschätzt ist.

Der Standort der Warnemünder Werft hat nach seiner Ansicht aber als Industriepark wesentlich größere Vorteile als der Standort der kompakten MTW in Wismar. Durch das weitläufige Areal in Warnemünde würden sich die einzelnen Workstationen für externe Produktionen anbieten. Und Wanner erinnert an die Bremer Vulkanwerft, wo nach der Pleite inzwischen mehr Arbeitsplätze als damals entstanden sind.

Für die Studenten seiner Fakultät sei das gegenwärtige Dilemma frustierend. Nach der Hiobsbotschaft zur Insolvenz der Wadan-Werften will sich nun der Germanische Lloyd (GL) von etlichen Ingenieuren trennen. Beim GL hatte in den vergangenen Jahren etwa die Hälfte der Studierenden ihr Tätigkeitsfeld gefunden.

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