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Agrarbranche zwischen globalem Boom und "Flächenfraß"

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erstellt am 19.Jan.2012 | 09:29 Uhr

Berlin | Vor einem Jahr herrschte Aufregung um Dioxin. Der Skandal um Rückstände im Tierfutter warf einen Schatten auf die Grüne Woche in Berlin. Diesmal überlagert keine akute Lebensmittelkrise die Leitmesse der internationalen Ernährungswirtschaft, die heute beginnt. Doch die Herausforderungen für die Branche sind auch 2012 komplex. Im Ringen um die künftigen Agrarmilliarden der EU werden Positionen abgesteckt, die Energiewende ist ein zwiespältiges Thema in den Dörfern. Kunden wollen günstige Preise, zugleich landen tonnenweise Produkte im Müll. Die weltweite Nachfrage treibt das Geschäft der heimischen Bauern.

Die deutschen Landwirte gehen denn auch "vorsichtig optimistisch" ins neue Jahr, wie es beim Bauernverband heißt. "Wenn es keine Überraschungen bei der Weltkonjunktur gibt, sollten die Agrarmärkte relativ stabil bleiben", erwartet Präsident Gerd Sonnleitner. Dabei können die meisten Höfe von einer vergleichsweise robusten Basis starten. Nach zwei Krisenjahren hat die Branche nun insgesamt wieder besser verdient, obwohl Wetterkapriolen die Ernte beeinträchtigten. Der Gewinn, der als Durchschnittseinkommen je Arbeitskraft gemessen wird, stieg 2010/11 auf 30 200 Euro nach 22 500 Euro im Jahr zuvor.

Als Sorgensparte gelten jedoch weiterhin die Schweinehalter, die in den nächsten Monaten dringend darauf setzen, höhere Absatzpreise zu erzielen. Gestiegene Kosten für Futtereinkauf und Energie schlagen schwer ins Kontor. Dagegen erleben die Ackerbauern, dass hiesige Erntemengen längst nicht mehr allein den Ausschlag für die Preise geben - sie werden maßgeblich über die internationalen Rohstoffbörsen bestimmt. Und die globale Nachfrage zog zuletzt an, besonders in Asien.

Was das für Supermarktkunden in Deutschland bedeutet, muss sich zeigen. "Wir rechnen mit stabilen Preisen, da ist keine Kostenexplosion zu erwarten", beruhigt Sonnleitner.

Mittlerweile wecken die Wiesen und Felder der Landwirte auch neue Begehrlichkeiten. Wegen des Atom-Ausstiegs werden wertvolle Hektar für Stromtrassen und den Anbau von Energiepflanzen wie Raps oder Mais gebraucht. Andererseits entwickelt sich die Bioenergie für viele Bauern zu einem zweiten Standbein neben dem schwankungsanfälligen Kerngeschäft. Gegen rasanten "Flächenfraß" will der Bauernverband auf der Grünen Woche eine Online-Petition an den Bundestag starten.

Auf der politischen Agenda steht die künftige Agrarfinanzierung in der Europäischen Union ab 2014. Die deutschen Bauern müssen sich auf leicht sinkende Brüsseler Direktzahlungen und eine stärkere Kopplung an Umweltauflagen einstellen. Passend zum Messe-Partnerland Rumänien geht es auch um eine Annäherung der Gelder für die EU-Neumitglieder im Osten an das Niveau West. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat Solidarität signalisiert. Wichtig sei aber, "dass Brüche vermieden werden und unsere Landwirte Planungssicherheit haben".

Nach Krisen wie dem Darmkeim EHEC, der 2011 vielen Gemüsebauern das Geschäft verdarb, rücken die Sicherheit und Wertschätzung von Lebensmitteln immer stärker ins Visier. Bund und Länder ringen um eine schlagkräftigere Organisation von Kontrollen. Politiker und Verbände mahnen außerdem, dass gesunde Nahrung nicht immer billiger werden könne. Das lässt auch den Grundsatzstreit aufflammen, welche Richtung die Landwirtschaft einschlagen soll. Öko-Organisationen und Umweltverbände planen eine Grüne-Woche-Großdemonstration in Berlin. Das Motto: "Wir haben es satt - Bauernhöfe statt Agrarindustrie".

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