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Aggressiver Exot breitet sich im Landesosten aus

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erstellt am 19.Jul.2011 | 05:09 Uhr

Steinhöfel | Die riesigen Pflanzen am Rande eines Maisfeldes nahe Heinersdorf im Landkreis Oder-Spree sind durchaus attraktiv: ausladende fächerförmige Blätter, bis zu zehn Zentimeter dicke und zwei bis drei Meter hohe Blütenstängel. Obendrauf thronen bis zu 15 imposante, weiß blühende Dolden. Kein Wunder, dass sich der aus dem Kaukasus stammende Riesenbärenklau als Zierpflanze bei Kleingärtnern zeitweise großer Beliebtheit erfreut. Bis der Laie die Gefährlichkeit des sich rasch vermehrenden, andere Pflanzen verdrängenden Exoten bemerkt hat, ist es meist zu spät. Immerhin bis zu 50 000, sich in alle Richtungen verstreuenden Samen kann eine Dolde enthalten. Wo der Riesenbärenklau auftaucht, wächst sozusagen kurze Zeit später kein Gras mehr. Heimische Landschaften und Ökosysteme werden nachhaltig verändert.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist für den Menschen weitaus schmerzhafter. Der Saft der Doldengewächse, der bei Berührung sofort austritt, kann beim Menschen schwere Verbrennungen 2. und 3. Grades verursachen, wie Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes (LUA) bestätigt. Schuld an den schmerzhaften Folgen ist das phototoxische Gift Kumarin im Pflanzensaft. Sobald Sonne auf die benetzte Haut strahlt, treten zunächst juckende Rötungen auf. Daraus werden großflächige Brandblasen, die nur ein Arzt fachgerecht behandeln kann.

"Ich kenne Leute, die noch heute durch Narben an Armen und Beinen an ihre Begegnung mit dem Riesenbärenklau erinnert werden", berichtet Wolfgang Funke, Bürgermeister der Großgemeinde Steinhöfel, zu der auch Heinersdorf gehört. Er kann ein Lied von der auch Herkules- oder Russenkraut genannten grünen Plage singen. Explosionsartig war der aggressive Exot seit der Wende in einigen Ortsteilen hochgeschossen, hatte vor allem still gelegte Brachflächen und verlassene Grundstücke binnen weniger Jahre in üppige, grüne Dschungel verwandelt.

Die anspruchslose Pflanze ist sozusagen eine DDR-Altlast. In den 60er Jahren aus der Sowjetunion eingeführt, sollte sie im Auftrag des Institutes für Acker- und Pflanzenbau Müncheberg als ertragreiches Futtermittel für Zuchtvieh kultiviert werden. In Heinersdorf und im sachsen-anhaltischen Bernburg wurden Versuchsflächen angelegt, die Experimente aufgrund von unrentablen Ergebnissen nach einigen Jahren abgebrochen, die Felder umgepflügt. Die Folgewirkungen des sich weit verbreiteten Samens hatte jedoch niemand bedacht.

Unfälle, bei denen vor allem Kinder schwere Verbrennungen erlitten, häuften sich im Bereich Steinhöfel. Hilfe "von außerhalb" bekam der zunehmend besorgte Kommunalpolitiker Funke allerdings nicht. Um der Pflanzenepidemie einigermaßen Herr zu werden, kämpfte später alljährlich im Frühsommer ein vom Landkreis finanzierter ABM-Trupp mit Motorsensen und Ganzkörperschutzbekleidung gegen den alles verschlingenden Urwald. "Wir haben die Pflanzen zunächst mit Freischneidern gekappt und dann die Wurzeln mit dem Spaten ausgebuddelt", erinnert sich die Heinersdorferin Ingeburg Peters, die mehrere Jahre dabei war. Sie ist stolz auf das Geleistete. Die ABM-Leute hätten die Population tatsächlich etwas eingedämmt, so LUA-Präsident Freude.

Umso trauriger macht es Peters und auch Bürgermeister Funke, dass diese Arbeit letztlich umsonst war. Denn in diesem Jahr hat der Oder-Spree-Kreis dafür keine Mittel und Leute bereitgestellt. "Maßnahmen, die Dauercharakter haben, sind nicht unsere Aufgabe", begründet Behördenchef Rolf Lindemann.

Der Riesenbärenklau kann sich ungehindert ausbreiten. "Man kriegt den nicht mehr weg, das haben wir echt verpasst", sagt Freude und zieht den Vergleich zum Waschbären, der in Brandenburg bekanntlich zur Plage geworden ist. Bürgermeister Funke hat inzwischen zur Selbsthilfe aufgerufen und geht mit gutem Beispiel voran. Seinen Spaten mit verlängertem Stiel hat er stets griffbereit, um Hand an zu legen, sobald er unterwegs eine der imposanten Pflanzen entdeckt. Dabei hat er ein versteckt in einer Mulde liegendes "Feld" mit bis zu 32 000 Riesenbärenklauexemplaren entdeckt. "Das ist einfach zu viel. Ohne Hilfe kommen wir dagegen nur mit Freiwilligen nicht mehr an", meint Funke resigniert. Zumal kaum jemand in den Dörfern über entsprechende Schutzkleidung verfüge.

Die Verantwortung für die Pflanzenbeseitigung hat nach Ansicht von LUA-Präsident Freude der Kreis. Landrat Manfred Zalenga gibt den "Schwarzen Peter" aber weiter. "Das ist eine Frage der öffentlichen Ordnung und Sicherheit - dafür sind die Kommunen selbst zuständig." Bürgermeister Funke wiederum sieht das Land Brandenburg weiter in der Pflicht, zumal das Doldengewächs längst kein lokales Thema mehr ist. Vorkommen gibt es inzwischen auch in Frankfurt (Oder), der Uckermark, im Oderbruch, im Berliner Speckgürtel und im Naturpark Märkische Schweiz. Selbst in der Prignitz plagte man sich bereits mit den Gewächsen. "Hier tickt eine Zeitbombe, die Menschen krank macht, aber das Land Brandenburg sieht die Gefahr wohl erst, wenn etwas Schlimmes passiert", grollt Bürgermeister Funke.


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