Acht Kerzen für Lucas

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Wie viel Schmerz verträgt ein Herz? Und wie lässt sich etwas begreifen, das nicht zu begreifen ist? Wie der Unfalltod eines Achtjährigen. Das Leben von Lucas war von einem Moment zum anderer beendet. Bei aller Trauer über den tödlichen Unfall zeigen seine Eltern Größe: "Den Busfahrer trifft keine Schuld, er hatte keine Chance zu bremsen", sagt die Nicole Weckwerth. Diese Botschaft ist der Mutter wichtig. Sie spürt die seelische Last des 21-Jährigen.

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27. August 2009, 09:49 Uhr

Rostock | Acht Kerzen stellt Nicole Weckwerth auf den Tisch. Sie brennen für Lucas, das mittlere ihrer drei Kinder. Den Sohn,dessen Zukunft durch einen tödlichen Unfall mit einem Bus ausgelöscht worden ist. Jetzt bleiben nur die Erinnerungen an den Blondschopf, dessen letzter Zögling ein Schmetterling war. Selbst in Erzählungen zieht Vergangenheit ein. "Eigentlich war Lucas ein kleiner Grüner", sagt die Mutter. "Er war naturverbunden, wollte manchmal nicht einmal Blumen pflücken, um ihnen nicht weh zu tun."

Mülltonnen versperren Kindern die SichtAm Dienstag ist die junge Mutter mit ihren drei Kindern allein. Der zehnjährige René und Lucas wollen der Mama helfen. "Ich beziehe sie im Haushalt mit ein, um sie zur Selbstständigkeit zu erziehen", erzählt die Dierkowerin. Lucas schnappt sich den Kasten mit Altpapier und läuft nach unten. Was sich dann abspielt, sind nur Vermutungen. "Ich denke, dass ihm Papierblätter davon geweht sind und er hinterher wollte, um sie aufzusammeln. Und da muss der Bus gekommen sein. Es war wahrscheinlich zu spät zum Bremsen." Die Mülltonnen stehen in der Lorenzstraße dicht an der Straße, gerade Kindern nehmen sie ein wenig die Sicht, kritisieren die trauernden Eltern.

Die junge Mutter hört einen Schrei, geht auf den Balkon und sieht das Unglück. Sie stürzt mit einer dunklen Ahnung die Treppen herunter. Unter dem Bus liegt ein Kind. "Als ich die Schuhe gesehen habe, wusste ich, dass das Lucas ist", sagt sie. Sie will nur noch zu ihm, ruft seinen Namen. "Da hat er sich noch einmal bewegt, aber er war bereits abgedeckt."

Die Unfallstelle ist abgesperrt, niemand lässt die Verzweifelte zu ihrem Kind. "Dabei wollte ich Lucas nur noch einmal streicheln, so lange er warm ist, ihm durch die Haare fassen und ihm einen Kuss für seine letzte Reise geben", erzählt sie. Viele Details sind durch den Schock aus dem Gedächtnis gelöscht oder zeitlich durcheinander geraten. Zum Beispiel, zu welchem Nachbarn die Kinder kamen.

"Von jetzt auf gleich ist alles vorbei""Ich war nur noch gelähmt", sagt sie. Wie der Fahrer wird sie seelsorgerlich betreut. Gemeinsam mit dem großen Sohn kommt sie in eine Klinik.

Die 15 Monate alte Tochter holt deren Vater. Der Papa von Lucas wohnt 600 Kilometer weg und setzt sich am nächsten Tag gleich mit Lucas Oma und der neuen Familie ins Auto. Er will seiner ehemaligen Frau beistehen, Lucas und René sind ihre gemeinsamen Kinder. "Wir sind Freunde geblieben", sagen die beiden. "Wir stehen jetzt vor dem Nichts", sagt Nicole. Und auch Vater Mark weint um seinen Sohn. Vor zwei Wochen ist er mit dem Älteren bei ihm und der Oma zu Besuch gewesen. "Darüber bin ich so dankbar", sagt er. Seine Mutter hat einen Tag vorher mit Lucas gechattet. "Oma, ich hab Dich lieb", hat er ihr geschrieben. Auch, dass es schön war beim Spielen im Garten. "Es ist nicht zu begreifen", sagt der Vater, den die Polizei in seiner Heimat informiert hat. "Wenn jemand alt oder krank ist, kann man sich darauf einstellen. Aber so? Von jetzt auf gleich ist alles vorbei."Bald nach dem Eintreffen der Familie gehen alle zur Unfallstelle. Kinder und Nachbarn haben Plüschtiere und Fotos hingelegt, Briefe geschrieben und Kerzen angezündet. Lucas fehlt vielen. Das ist ein bewegender Moment.

Gestern hat die Familie von Lucas Leichnam Abschied genommen. Sie wollen den Jungen nicht ohne letzten Kuss und Streicheln gehen lassen. Und es liegt allen daran, das körperlich zu begreifen, was seelisch einfach nicht möglich ist.

Viele Bemerkungen verletzen. "Ich musste nicht gesucht werden, wie manche behaupten. Ich war dicht bei Lucas. Sein Vater wohnt 600 Kilometer entfernt und kam auch gleich."

Bärbel Hakendahl vom Verein Charisma bestätigt, wie liebevoll sich die junge Frau und alle kümmern. Sie steht der Familie bei, die erst am Anfang eines schweren Weges ist. Lucas liegt bei der Aufbahrung in einem himmelblauen Sarg mit weißen Wolken. Seine Bettwäsche zieren Schmetterlinge, weil er die so besonders geliebt hat.

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