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Diskussion um Tempo 30 in Schwerin : Abzocke oder mehr Lebensqualität?

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Wie viel Sinn macht Tempo 30 auf dem Obotritenring? Im Internet, in Leserbriefen und E-Mails teilten uns viele Leser ihre Meinung dazu mit. Was denken Sie?

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erstellt am 07.Mär.2011 | 10:25 Uhr

Schwerin | Wie viel Sinn macht Tempo 30 auf dem Obotritenring? Mit seiner neuesten Ankündigung eines zweijährigen Tests auf dem östlichen Ring hat das Amt für Verkehrsmanagement für eine Menge Aufregung in Schwerin gesorgt. Weniger Lärm, weniger Schadstoffe, mehr Sicherheit und nur wenige Minuten Zeitverlust für den Autofahrer sind die Argumente, die die Verwaltung für eine Reduzierung der Geschwindigkeit von 50 auf 30 Stundenkilometer ins Feld führt. Außerdem habe sich das gleiche Tempolimit bereits auf der Graf-Schack-Allee und der Werderstraße bewährt. Doch nicht alle Schweriner scheinen glücklich mit dieser Lösung, die sich auf einen Stadtvertreter-Beschluss von 1993 stützt. Über die zweijährige Testphase sollen die Stadtvertreter jetzt noch einmal abstimmen. Im Internet, in Leserbriefen und E-Mails teilten uns viele Leser ihre Meinung zu Tempo 30 auf dem Obotritenring mit. Wenn auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, Stellung beziehen möchten zu einem der am heftigsten diskutierten Themen in der Stadt, dann schreiben Sie uns Ihre Meinung. Wie und wo das geht, erfahren Sie im Info-Kasten.

Gegen Tempo 30 auf dem Obotritenring spricht sich der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses der Stadtvertretung, André Harder, aus. "Schwerin ist ein Oberzentrum. Die Menschen, auch von außerhalb, wollen hier arbeiten, einkaufen, Kultur genießen. Dazu gehört aber, dass wir die Stadt für Autofahrer nicht unattraktiv machen", so Harder. Der Wirtschafts- und Tourismusausschuss habe sich Ende Februar mehrheitlich gegen das Vorhaben ausgesprochen. Der Obotritenring sei kein Unfallschwerpunkt.

SVZ-Leser Ulrich Schünemann findet die Tempo-30-Idee nur "hirnrissig".

In Hamburg in der Stresemannstraße habe sich die Tempo-30-Regelung sehr bewährt, weil die Vierspurigkeit beibehalten wurde, schreibt Leser Ludwig Rehberg. "Der Vorteil für Verkehrssicherheit, Anwohner und Umwelt ist groß. Daher bin ich - bei Beibehaltung ausreichend breiter Fahrspuren - für Tempo 30."

"Im Wohngebiet haben Raser nichts zu suchen"

Wolfgang Maschke allerdings vermutet, dass die Stadt das Tempo auf dem Obotritenring lediglich senken möchte, um noch mehr Geld mit Geschwindigkei tskontrollen einzunehmen. "Man findet die Kontrollen ja weniger da, wo Gefahrenstellen sind, sondern häufiger an Stellen, wo die meiste Kohle reinkommt."

Zippendorfs Ortsbeiratsvorsitzender Peter J. Harke fällt zu Tempo 30 auf dem Obotritenring eine erstaunliche Gegengeschichte ein: "Seit Jahren kämpfen Zippendorfer Bürger und der Ortsbeirat um eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Straße An der Crivitzer Chaussee mitten im Zippendorfer Wohngebiet von 70 auf 50 km/h. Das wurde bisher von der Verwaltung mit den gleichen Argumenten abgelehnt, mit denen es jetzt auf dem Obotritenring befürwortet wird - Lärmminderung, Schadstoffreduzierung, Verkehrsdurchlässigkeit! Auf der Crivitzer in Zippendorf sei das alles mit einer Geschwindigkeitsreduzierung nicht zu erreichen, hätten Messungen ergeben, hieß es. Beste mecklenburgische Gutsherrentradition!"

J. Schulz ist Anwohner und erhofft sich vom neuen Verkehrskonzept bessere Lebensbedingungen. "Der Obotritenring ist nachweislich eine Wohngegend. Da haben Pkw-Fahrer, die auf Kurzstrecken ihre Motorenleistung ausprobieren wollen oder mit ihren Motorrädern auf dem Hinterrad Slalom fahren, nichts zu suchen. Täglich befahren nachweislich ca. 30 000 Fahrzeuge den Obotritenring. Unsere Fenster können wir fast ausschließlich nur zur Hofseite öffnen."

Wolfgang Gladosch wohnt ebenfalls am Obotritenring und hat ein Bild mitgeschickt, das unterstreichen soll, warum er unbedingt für Tempo 30 ist: "Die abgebildete Hauswand ist etwa drei Meter von der Straße entfernt. Und die Flecken sind Spritzer vom Schneematsch des Winters. Ein Fachmann kann sicher ausrechnen, mit welcher Geschwindigkeit die Autos hier entlang gerast sind."

Auch Bernhard Kadzioch stimmt dem Test-Versuch zu. "Um eine Verdrängung des Verkehrs auf Nebenstraßen konsequenter auszuschließen, ist die so genannte Grüne Welle durchgängig einzuführen, die wilde Fußgängerüberquerung zu unterbinden und der Radfahrverkehr sicher zu führen."

SVZ-Leser L. Meer sieht in Tempo 30 ebenfalls nur Vorteile: "Mehr Verkehrssicherheit für alle, vor allem für Fußgänger und Radfahrer, mehr Lebensqualität für die Anwohner, Reduzierung der Umweltbelastung."

Auch Sabine Beck spricht sich für eine "Entschleunigung" aus: "Berlin, Hamburg, Frankfurt oder Jena, Basel, München, Zürich oder Straßburg haben das Experiment gewagt und dabei an Lebensqualität gewonnen. Der Verkehr und die Wirtschaft aber sind deswegen nicht eingebrochen."

Auf einer Durchgangsstraße wie dem Obotritenring sollte der Verkehr nicht schleichen, sondern fließen, findet A. Zielke. Die Kosten für die Umwidmung stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen, und auch der ökologische Nutzen sei fraglich, wenn sich der Verkehr andere Wege sucht.

"Jeder der zwingend aus Pendlergründen oder weil der Öffentliche Personennahverkehr auf ein Minimum reduziert wurde, auf das Auto angewiesen ist, kann dieser Regelung nur widersprechen", meint S. Uerckwitz.

"Geld lieber in die Sanierung der Schweriner Straßen stecken"

Michael Renker fällt zum Thema 30 auf dem Obotritenring nur noch Abzocke ein: "Wenn dann der letzte Tourist die Nase voll hat von Schwerin - erst dann können die Verkehrsplaner befriedigt feststellen, ihr Konzept sei aufgegangen, der Straßenverkehr habe sich deutlich beruhigt!"

Auch im Internet wurde zum Thema Tempo 30 auf dem Obotritenring heftig diskutiert. Hier finden sich allerdings mehr Gegner als Fans der geplanten Lösung. Viele sprechen von einem vorgezogenen "Aprilscherz" und glauben, dass vor allem die Geschwindigkeitskontrolleure von einer solchen Regelung profitieren würden.

Mit ihrem Vorschlag degradiere sich die Landeshauptstadt endgültig zum Provinznest, findet Peter Schmidt. Die vorgetragenen Gründe seien weder stichhaltig noch nachvollziehbar. "Ich bin zwar ein Laie, aber wie kann man von weniger Lärm und weniger Schadstoffen sprechen, wenn sich Autoschlangen fast im Stand durch verstopfte Straßen quälen werden?", fragt Jens Matthies.

Ein Leser, der unter dem Pseudonym "Homo Kritikus" im Internet schreibt, ergänzt: "Ich benötige für den gleichen Weg eine längere Zeit, und da ich nicht allein auf der Welt bin, benötigen alle anderen genauso eine längere Zeit, um ans Ziel zu kommen. Das hat zur Folge, dass sich bei geringerer Geschwindigkeit mehr Fahrzeuge auf der Strecke befinden." Stichwort Staudynamik. "Außerdem möchte ich bezweifeln, dass die Emissionswerte bei einer geringeren Geschwindigkeit sinken, da die Arbeit die verrichtet wird, die gleiche ist und die Motoren bei geringerer Drehzahl weniger effizient laufen."

Jörg Rabe betont, dass vor allem die arbeitende Bevölkerung unter der Geschwindigkeitsreduzierung zu leiden habe. "Und selbst diejenigen, die nicht erwerbstätig sind, müssen häufig unter Zeitdruck die Stadt durchqueren. Hierzu dienen die Haupterschließungsstraßen wie der Obotritenring."

Hartmut Lorenz hingegen wendet ein, dass der Zustand der Schweriner Straßen zurzeit ohnehin den Verkehr bremst - auch ohne Konzept. Sein Lösungsvorschlag: "Wenn schon Autoverkehr, dann angemessen schnell, wenig Stopps und nicht alle 200 Meter eine Ampel! Hier werden Sprit und Zeit vergeudet. Aber viel wichtiger: Der Schwerverkehrs muss aus der Stadt raus, bzw. er darf nur gegen Gebühr mit Sondergenehmigung reingelassen werden."

Statt Geld in die Verkehrsberuhigung zu stecken, schlägt Eckhard Hofstetter lieber eine grundlegende Sanierung des Straßennetzes vor. "Laut Schlaglochverordnung kann man in Schwerin sowieso nur Tempo 30 fahren."


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