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Lokales

21. November 2017 | 11:23 Uhr

Abrechnungsfehler in Millionenhöhe

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erstellt am 06.Jun.2010 | 08:17 Uhr

Schwerin/Neubrandenburg/Hamburg | Wird Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen publik, werden die Hauptakteure stets in anderen Bundesländern gestellt. Beim jüngsten Fall, als ausländische Krebsmittel mit einem in Deutschland geschützten Wirkstoff geliefert und hier vertrieben wurden, war das nicht anders. Sind Leistungserbringer in MV also besonders ehrlich?

Es scheint so. Die größte Krankenkasse im Land, die AOK, musste im vergangenen Jahr zehn Fälle an die Staatsanwaltschaft weitergeben, in denen der Verdacht der Falschabrechnung nahe lag. "Alle Verfahren sind aber eingestellt worden", erklärt Heinke Lass, Beauftrage zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen bei der AOK.

Entdeckte Fehler bei der Rechnungslegung bezeichnet Lass bewusst als "Irrtümer". Das Gros dieser Irrtümer würde durch eine Plausibilitätsprüfung im kasseninternen Abrechnungssystem ans Licht kommen. "Dabei geht es um ganz simple Fragen wie: Ist derjenige überhaupt bei uns versichert? War er noch zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus, zu dem die Leistung angeblich erbracht wurde?" Stimmten mehrere Parameter nicht, würden die zuständigen Fachbereiche eine Sachverhaltsaufklärung veranlassen.

Genauso verfahre man, wenn Versicherte selbst auf Abrechnungsfehler aufmerksam machten. "Das ist vor allem dann der Fall, wenn Zuzahlungen gefordert werden für Leistungen, die unsere Versicherten gar nicht erhalten haben", erklärt die Sozialversicherungsexpertin. Der Extremfall seien da sicher Rechnungen, die bereits Verstorbenen gestellt würden. Heinke Lass und ihre Stabsstelle würden aber erst dann eingeschaltet, wenn es in einem bestimmten Bereich zur Häufung fehlerhafter Abrechnungen käme.

"Unser Vorteil hier im Land ist, dass wir alle Leistungserbringer kennen" meint Lass. Da alle auch weiterhin Verträge mit der AOK schließen wollten, reagierten sie in der Regel sofort auf kritische Hinweise. "Wir betrachten unsere Arbeit ein Stück weit als Prävention", sagt Heinke Lass. Ähnlich sieht es Dr. Rolando Schadowski, Referent für Gesundheitswesen bei der Techniker Krankenkasse (TK) in MV. "Wie haben kein Problem mit Abrechnungsbe trügern, im Jahr 2009 gab es nur einen einzigen Fall." Zum Vergleich: Bundesweit wurden von der TK in dem Zeitraum 270 Fälle aufgedeckt.

Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) hat den Fokus der Überprüfungen laut ihrem Sprecher Gerd Reinartz auf den Krankenhaussektor gerichtet - und dabei in Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr Falschabrechnungen in Höhe von 2,5 Millionen Euro aufgedeckt. "Wir gehen davon aus, dass hier nicht im großen Stil mit böser Absicht manipuliert wurde. Allerdings sind solche Summen nicht mehr nur mit Versehen zu rechtfertigen", meint DAK-Landeschefin Regina Schulz. Um einzelne Häuser stärker ins Visier nehmen zu können, fordert sie den Abbau bürokratischer Hürden. Kassen seien zwar zur Kontrolle von Abrechnungen verpflichtet, dürften aber immer nur Einzelfälle prüfen, nicht ganze Abteilungen oder Kliniken.

Häufige Ursache falscher Abrechnungen sind laut Regina Schulz Veränderungen bei den Diagnoseziffern. "Kleinste Abweichungen machen schon mal mehrere tausend Euro aus", erklärt Schulz. "Außerdem werden gern Leistungen abgerechnet, die nicht oder nicht im tatsächlichen Umfang erbracht wurden. Bei zu viel berechneten Beatmungsstunden gehen unsere Rückforderungen leicht in die Zehntausende."

Bundesweit seien der DAK im vergangenen Jahr von Krankenhäusern 100 Millionen Euro rückerstattet worden. "Man kann davon ausgehen, dass die Summe der nicht entdeckten Fälle noch viel höher ist. Auch in Mecklenburg-Vorpommern werden wir weiter intensiv prüfen und uns für eine striktere Kontrolle einsetzen."

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