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Lokales

22. September 2017 | 11:43 Uhr

Abenteuer mit Trainingseffekt

vom

svz.de von
erstellt am 13.Jul.2011 | 07:01 Uhr

Karow | Das Gras ist noch nass vom Tau, als Ralf Schwanebecks Arbeitstag beginnt. Die Vögel im Wald zwitschern, nur von der Straße her ist Motorenlärm zu hören. Das ist gut, denn es bedeutet Besucher. Schwanebeck wischt mit einem grünen Handtuch schnell noch über die Holzsitze seiner Draisinen, denn in der Nacht hat es geregnet. Da kommen sie auch schon um die Ecke, eine bunte Truppe von 30 Leuten. Die wird er heute auf die Reise schicken: auf der Schiene, zu Wasser und mit dem Drahtesel. Bleibt nur zu hoffen, dass auch alle heil wieder ankommen.

Die kleine Greta ist aufgeregt. Mit gerade einmal drei Jahren ist sie die Jüngste in der Gruppe und darf mit ihrem Papa als erstes die Treppe zur Anmeldung hochsteigen. Fünf alte Eisenbahnwaggons stehen am Startplatz herum. Einer davon ist zur Information samt Anmeldung umfunktioniert worden, ein Kassenhäuschen auf Rädern sozusagen. Wenig später nimmt jeder seine Draisinen in Beschlag und los geht`s, immer den Schienen nach. Greta macht es sich auf der Sitzbank gemütlich und lässt sich durch die Gegend kutschieren.

Zwei Draisienstrecken in Mecklenburg

Die Idee mit den Draisinen hat Schwanebeck aus Schweden mitgebracht. Der Wirtschaftsingenieur stammt ursprünglich aus Dresden, wo seine Familie einen Kletterpark betreibt. "Private Gründe", so sagt er, hätten ihn nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen. Diese "privaten Gründe" tauchen ab und an bei ihm an der Draisinen-Ausleihstation in Form von zwei kleinen Jungen auf, die ihrem Papa unbedingt beim Umsetzen der Draisinen "helfen" wollen. Für Schwanebeck war es keine Option, jeden Tag nach Hamburg oder Rostock zu pendeln. Deshalb hat er sein eigenes Unternehmen gegründet: Seit dem Jahr 2004 fahren seine Draisinen zwischen Karow und Borkow hin und her und seit 2009 ist auch eine Strecke von Waren (Müritz) bis Schwinkendorf in Betrieb.

An der Ausleihstation ist von der bunten Truppe mittlerweile nichts mehr zu sehen. Einzeln oder in kleinen Gruppen fahren die Draisinen direkt durch den Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide. Ute und Ralf Rohrmoser aus Rostock haben den besten Blick - und den Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Denn sie sind die ersten Draisinenfahrer an diesem Morgen. Ein Reh steht reglos am Waldrand. Die Hobby-Vogelkundler entdecken auch einen Milan, der seinen Konkurrenten aus der Luft angreift, um ihm die Beute streitig zu machen. Für große Aufregung sorgt eine Ringelnatter, die sich zwischen den Schienen schlängelt. Nach etwa 10 Kilometern ist das erste Etappenziel erreicht. In Goldberg lässt die Gruppe ihre Draisinen stehen. Kurz darauf geht auch schon der erste unfreiwillig baden: Gretas Onkel hat den Einstieg ins Kanu knapp verpasst...

Im Sommer Urlaub mit Mama, im Winter mit Papa

Während die Aktiv-Urlauber die Mildenitz entlangschippern, sorgt hinter den Kulissen ein Mann für den reibungslosen Ablauf. Seit 2006 bietet Sven-Erik Muskulus in Kooperation mit Schwanebeck die Kombi-Tour an. Biegt man auf sein Firmengelände in Oldenstorf ein, steht man mitten auf einem Bauernhof. Zwei Hähne laufen zwischen den Leihfahrräder herum und in der Scheune stehen ein paar Schafe, die sich im Winter den Platz mit den Kanus teilen müssen. Muskulus arbeitet von Mai bis September jeden Tag - wenn das Wetter mitspielt. Das Problem mit dem eigenen Urlaub hat die Familie so gelöst: In den Sommerferien unternimmt seine Frau etwas mit dem Sohn. Im Winter geht`s dann mit Papa auf Städtetour.

In den Kanus reiben sich die Leute inzwischen mit Sonnencreme ein. Es riecht nach Urlaub. Gemächlich treiben die Kanus die Mildenitz hinunter. Das Ehepaar aus Rostock erzählt, dass sie auch überlegt hatten, in Spanien oder Portugal Urlaub zu machen. "Aber was kann man da schon anderes machen als am Strand in der Sonne brutzeln?" , fragt er und sie lacht und gibt zurück: "Mittlerweile hälst du es ja länger in der Sonne aus als ich." Ein paar Kanus weiter hinten geht derweil eine von Gretas kleinen rosa Socken über Bord. Die Mildenitz mündet in den Dobbertiner See. Wer einen Mann im Kanu hat, ist klar im Vorteil, denn um auf die andere Seite zu kommen, muss man kräftig paddeln. Vom Schiffsanleger in Dobbertin geht es dann per Fahrrädern zurück nach Goldberg und mit den Draisinen weiter bis zur Ausleihstation.

Ralf Schwanebeck wartet schon auf die Rückkehrer. "Na, alles gut gegangen?", fragt er in die Runde. "Heute Abend fallen wir nur noch in weiche Kissen", sagt Ute Rohrmoser erschöpft. Und dass, obwohl ihr Mann bei ihrem persönlichen Kegelwettstreit um 50 Punkte abgeschlagen zurückliegt und jeden Abend versucht, noch ein paar Punkte reinzuholen.

"Es ist eine schöne Arbeit", sagt Schwanebeck später. Er wird noch bis 21.30 Uhr an der Ausleihstation bleiben, bis alle Draisinen von ihrer Abendfahrt zurück sind. "Die meisten Gäste sind entspannt und glücklich. Da bekomme ich ein bisschen von der Urlaubsstimmung ab." Die Hauptsache ist, dass nichts passiert und alle gut wiederkommen. Bis auf die Socke. Die baumelt bis auf Weiteres im fast zugewachsenen Flusslauf der Mildenitz.

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