Abc des Lesens und Schreibens gelernt (Kopie 1)

Sie haben sich geschunden und erfolgreich Lesen und Schreiben gelernt: Zdenko Schütt aus Eldena, Uwe Guzial aus Groß Schmölen und Volker Bartels aus Zierzow (v. l.). Sie halten Materialien in der Hand, die ihnen dabei geholfen haben.uwe köhnke
Sie haben sich geschunden und erfolgreich Lesen und Schreiben gelernt: Zdenko Schütt aus Eldena, Uwe Guzial aus Groß Schmölen und Volker Bartels aus Zierzow (v. l.). Sie halten Materialien in der Hand, die ihnen dabei geholfen haben.uwe köhnke

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20. Dezember 2010, 08:52 Uhr

Zdenko scheint völlig Welt entrückt. Er ist mit seinem Text beschäftigt. Der 27-Jährige genießt das neue Lebensgefühl, lesen zu können. Vor ein paar Monaten war das noch anders. Da kam er mit bangem Herzen in den Alphabetisierungskurs der Volkshochschule. Unsicher, was ihn erwartet und ob er die schier unüberwindliche Hürde des Lesens und Schreibens meistern würde. Zdenko Schütt hatte als Kind immer Schwierigkeiten, in der Schule mitzuhalten. Den anderen Kindern schien alles viel leichter zu fallen. Zdenko Schütt hat eine Störung, die man damals noch nicht so kannte, heute aber als Lese-Rechtschreib-Schwäche bekannt ist.

Uwe Guzial aus Groß Schmölen ist 52. "Meine Eltern waren arme Leute", schildert er und dass keine Zeit da war, sich um die Bildung des Sprösslings zu kümmern. Lächelnd zeigt Uwe Guzial einen Krimi, in dem er gerade gelesen hat. "Die Leiche im Baggersee" ist kein gewöhnliches Buch. Es ist in einfachen Sätzen und größerer Schrift abgefasst. Schwierige Wörter haben Silbenbögen als Leseunterstützung. Es zählt zu den Lernhilfen für Erwachsene, die Kursleiterin Ursula Endrulath ausschließlich verwendet. "Davon gibt es leider nicht so viel, aber man findet Material", so die Kursleiterin. Der Lehrplan ist auf jeden individuell zugeschnitten, weil nicht alle vom gleichen Ausgangspunkt aus in das Abenteuer Rechtschreibung und Grammatik starten.

Noch bis Februar ist fünf Mal in der Woche jeweils den ganzen Vormittag Unterricht. Vier der fünf Männer, die aktuell die Schulbank drücken, besuchen bereits einen Folgekurs, weil sie mit unheimlichem Ehrgeiz die Hürden gemeistert haben und schon richtig fit sind. Guzial und Schütt gehören dazu, aber auch Volker Bartels aus Zierzow. Der 48-Jährige ist mit sieben Geschwistern aufgewachsen. Mutter hatte immer viel zu tun auf der LPG, schon bald kam Volker auf die Hilfsschule und auch dort nicht zurecht. "Da bin ich abgehauen", erklärt er mit entwaffnender Freimütigkeit. "Ich wollte nicht lernen." Das ist erst viel später gekommen. Die Männer erzählen von ihren Ängsten, auch von der Scham, sich als Analphabet zu outen. "Man findet keine Arbeit ohne Führerschein", sagt Volker Bartels. "Und den kriegt man nicht, wenn man nicht lesen und schreiben kann." Und der Zierzower erzählt von dem Horror, selbst den Busfahrplan nicht lesen zu können. "Und wenn du dann den Busfahrer ansprichst, fragt er dich, ob du das nicht lesen kannst, denn der Fahrplan hängt vor deiner Nase." Eine Erfahrung, die auch die anderen Kursteilnehmer gemacht haben. Und warum sind nur Männer im Kurs? Ursula Endrulath hat darüber auch schon nachgedacht und eine Theorie: "Männer fallen mit ihrem Problem eher auf. Frauen können sich viel besser zu Hause hinterm Herd verstecken. Aber bewiesen ist das nicht."

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