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Sensationelle Funde zur Stadtentwicklung in Schwerin : 800 Jahre altes Schwerin ausgegraben

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Die Ausgrabungen im alten Uhle-Karree in Schwerin halten Überraschungen bereit: Die Archäologen haben eine komplette und ausgezeichnet erhaltene Siedlungsstrukturen aus der Zeit der Stadtgründung freigelegt.

svz.de von
erstellt am 23.Mär.2011 | 10:06 Uhr

Altstadt | Die Ausgrabungen im alten Uhle-Karree, wo das neue Schloss-Quartier entsteht, fesseln derzeit in besonderem Maße die Aufmerksamkeit der Schweriner, die dicht gedrängt am Bauzaun in der Schlossstraße stehen. Denn die Archäologen haben 2,50 Meter tief unter dem heutigen Straßenniveau komplette und ausgezeichnet erhaltene Siedlungsstrukturen aus der Zeit der Stadtgründung freigelegt. "Es ist eine Sensation, wir können hier eindeutig belegen, wie vor 800 Jahren gebaut wurde. Dabei erlebten wir eine Riesenüberraschung: Die Grundstücke in der Altstadt haben sich seither kaum verändert. Wir haben die Eichenbalken-Fundamente und Fußböden der ersten germanischen Wohnhäuser gefunden, auf denen später am exakt selben Platz neue gebaut wurden. Wir haben sensationelle Fundstücke einer unvermutet hohen Schmiedekunst geborgen und viele weitere Erkenntnisse zum Alltag im frühen Mittelalter in Mecklenburg gewonnen", fasst Grabungsleiter Dr. Frank Wietrzichowski zusammen.

Zu den herausragenden wissenschaftlichen Erkenntnissen, die diese Grabung liefert, zählt der Archäologe neben der Offenlegung der Bebauungsstruktur vor allem die Funde in der einstigen Schmiede. "Es ist kaum zu glauben, aber dort wurde schon vor rund 800 Jahren hochwertiger Stahl verarbeitet, der von weit her importiert worden sein musste. Wir haben zahlreiche Eisenbarren und Schrötlinge gefunden und auch Fertigprodukte in großer Zahl, beispielsweise 50 Messer, 20 Scheren, 13 Reitersporen, aber auch Pfeilspitzen und vieles mehr. So etwas ist nirgends sonst in Mecklenburg aus dieser Zeit nachgewiesen. Wir gingen bislang immer davon aus, dass diese hohe Schmiedekunst erst viel später in die Region kam", berichtet der promovierte Wissenschaftler.

Beeindruckend aber auch, wie gut die Fundamente der Häuser erhalten sind. "Die Grundrisse sind sehr exakt und weisen fast überall die gleichen Größen auf. Gebaut wurde mit Eichenbalken, in die die Nuten für die Lehmwickelwände, für das Ständerwerk und für die Türen eingelassen sind", erläutert der Archäologe. Gefunden worden seien aber auch schwere Brandspuren an den Balken und Zeichen von Reparaturen, die die ständige Besiedlung des Stadthügels belegen. Doch der schwierige Baugrund dort machte den Ur-Schwerinern schon von Jahrhunderten zu schaffen. Der Boden in der Nähe zur Faulen Grube, dem einstigen Verbindungsgraben zwischen Burgsee und Pfaffenteich, war ständig feucht. Offensichtlich war der Eichenbalkenfußboden an einigen Stellen abgesackt und zu nass geworden, so dass die Siedler eine Steinpflasterung in Feinsand einbauten und diese mit einer gestampften Lehmschicht versiegelten - was noch heute gut erkennbar ist.

Die freigelegten Siedlungsstrukturen sowie Straßen- und Wegebeziehungen werden exakt vermessen, fotografiert und dokumentiert, alle interessanten Einzelfundstücke geborgen und akribisch inventarisiert. Dabei sitzt den Archäologen die Zeit im Nacken. Denn Ende kommender Woche wird dieses Stück Ur-Schwerin verschwunden sein. Die Bagger, die ihnen jetzt noch bei der Freilegung helfen, werden dann die gefundenen Belege der germanischen Besiedlung der alten Residenzstadt unwiederbringlich zerstören. Denn für die Tiefgarage des im Bau befindlichen neuen Schloss-Quartiers muss die Baugrube noch tiefer ausgehoben werden. Die neuen Wohnhäuser am geschichtsträchtigen Ort sollen noch in diesem Jahr fertiggestellt werden.


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