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Lokales

18. November 2017 | 04:07 Uhr

7.30 Uhr wird der Wettertopf geleert

vom

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erstellt am 01.Feb.2013 | 06:15 Uhr

Perleberg | Seit 60 Jahren misst Roswitha Neumann den Niederschlag, bis vor zehn Jahren übermittelte sie die amtlichen Daten an die Wetterämter Potsdam und Offenbach.

Alles begann 1953 in Siptenfelde im Harz, erzählt die heute 81-Jährige. Damals kam sie als junge Assistentin an das Institut für Tierzucht. "Du hast das Staatsexamen an der Fachhochschule für Landwirtschaft gemacht, da kannst du unsere Wetterstation gleich übernehmen", so in etwa mag es geheißen haben, denn fortan war sie zuständig für die tägliche Messung der Niederschläge. Daran änderte sich auch nichts, als sie 1955 mit ihrem Mann Reimund in die thüringische Rhön zog. Roswitha Neumann berichtet: "Unser Ort hieß Kaltennordheim. Wir wohnten aber nicht in der Stadt, sondern oben auf dem Berg. Etwa 650 Meter hoch hatten wir den Weidehof zu betreuen. Hier stand auch die Gebirgsniederschlagsmessstelle. Das große Auffanggefäß befand sich in zwei Metern Höhe, musste täglich gewechselt und der Niederschlag bei Frost aufgetaut werden.

Der Januar 1956 war warm. Plötzlich aber fielen die Temperaturen extrem ab. Es gab starke Schneefälle mit Verwehungen. Die Gartenzäune waren nicht mehr zu sehen, auf dem Berg fuhr kein Schneepflug mehr. Nach Kaltennordheim zum Einkauf gelangten wir nur noch mit unserer Rappstute Lotte oder der flotten Ella und dem Kastenschlitten. Die Wasserleitung war eingefroren, mein Mann holte in Milchkannen Wasser aus der Brunnenanlage. In meiner Küche glitzerte früh der Reif an den Wänden, der Topf war über Nacht auf dem eisernen Herd angefroren. Unbarmherzig blies der Wind durchs ganze Haus. Minus 33 Grad Celsius hatten wir. Was wir an Kleidung besaßen, zogen wir übereinander. Auf so einen Winter waren wir nicht vorbereitet. Beim Gemeinderat baten wir um Briketts, bekamen aber einen Kastenschlitten feuchte Braunkohle.

Heute erscheint mir die Zeit auf dem Weidehof eine glückliche gewesen, an die ich mich gern erinnere. "

1956 zog die Familie dann ins Tal nach Roßdorf Rhön. 16 Jahre sandte sie fortan die Niederschlagsdaten von dort. Jeden Morgen, ob Sommer oder Winter, hieß das aus dem Bett, um Punkt 7.30 Uhr den "Wettertopf" zu wechseln. Anschließend wurden gleich die Hühner gefüttert. Zwölf Mark gab es im Monat für die Niederschlagsmessung, berichtet Roswitha Neumann.

1972 übernahm Reimund Neumann als Leiter einen großen landwirtschaftlichen Betrieb in der Prignitz, seine Frau arbeitete als Bibliothekarin in Perleberg. Übrigens, auch den Büchern ist Roswitha Neumann bis heute treu geblieben, ehrenamtlich arbeitet sie immer noch im Antiquariat des Bürgervereins mit.

Doch zurück zur Niederschlagsmessung, denn im Garten der Neumanns wurde eine solche Messstelle eingerichtet. Bis 2003 sandte sie an die Wetterämter Potsdam und Offenbach die amtlichen Niederschlagsdaten aus Perleberg. Winters, wenn das Wasser im Wettertopf gefroren war, wurde er in den Keller zum Auftauen gestellt. "Ich hatte zwei von der Sorte, so dass die Messstelle immer einsatzbereit war." Und wenn die Neumanns mal in Urlaub waren, dann übernahm Nachbar Erwin Maaß die Aufgabe.

Auch die Schneehöhe notierte Roswitha Neumann, "unser runder Steintisch im Garten eignete sich dafür bestens". 42 DM erhielt die inzwischen in Perleberg längst heimisch gewordene Familie ab 1990 als eine Art Aufwandsentschädigung. 1993 wurde den Neumanns in persona von Reimund Neumann das Bundesverdienstkreuz für 40-jährige Mitarbeit im Dienst der Meteorologie vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog verliehen.

Auch wenn die Wetterämter längst nicht mehr ihre Niederschlagsdaten aus dem Neumannschen Garten beziehen, elektronische Messungen den Wettertopf abgelöst haben, Roswitha Neumann führt für sich weiter die Statistik. Morgens um 7.30 Uhr geht es raus in den Garten zum Wettertopf, und im Winter werden dann auch gleich die Vögel gefüttert. Übrigens, im vergangenen Jahr fielen auf Perleberg 653 Millimeter Niederschlag.

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