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25 Kilo Wegerein lassen Bürokratieblüten sprießen

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erstellt am 20.Jul.2011 | 05:56 Uhr

Perleberg | Irmtraut Müller schlägt die Hände über den Kopf zusammen. Eigentlich wollte sie nur rund 25 Kilo Wegerein ordnungsgemäß entsorgen. "Das Zeug stammt noch aus DDR-Zeiten, ist inzwischen steinhart, so dass ich es nicht mehr verwenden kann", berichtet die Seniorin, die schwer gehbehindert ist.

Haushaltsübliche Menge, wieviel ist das?

Das Schadstoffmobil bietet die Möglichkeit, einmal jährlich besonders umweltgefährdende Stoffe, die in den Haushalten angefallen sind, kostenlos abzugeben, bestätigt auch der Sachbereich Abfallwirtschaft des Landkreises auf Nachfrage des "Prignitzer".

Eigens aus Schwerin kam so der Sohn von Frau Müller, als sich besagtes Mobil in Düpow angekündigt hatte. Per Handwagen und kleinem Fass mit rund 25 Kilo Wegerein machte er sich auf den Weg, "durchs halbe Dorf, aber umsonst", berichtet seine Mutter. Denn dort wurde er abgewiesen. Fässer nehmen sie nicht, für derartige Mengen sei das Schadstoffmobil nicht ausgelegt. "Es war ein großer Lkw, auf dem noch reichlich Platz war", berichtet unsere Leserin. Statt dessen gab man ihrem Sohn den guten Rat "das Zeug zur Kleinannahmestelle nach Perleberg zu bringen. "Aber wie, ich habe kein Auto und mein Sohn auch nicht."

Gottlob, rief Frau Müller erst einmal in Perleberg an und erfuhr, dass sie das Fass mit Pestiziden hier gar nicht los wird. An Becker Umweltdienste solle sie sich wenden, was sie dann auch tat. Und dort erhielt sie zumindest die Antwort, dass sie das überalterte Unkrautvernichtungsmittel hier kostenpflichtig entsorgen könne. Man nannte ihr den Preis: Pi mal Daumen 60 Euro, dazu kämen noch die Transportkosten, denn Frau Müller fragte nach, ob man das Fass abholen würde.

60 Euro plus Transport, da musste sie sich erst einmal setzen und dann griff sie zum Telefonhörer und rief den "Prignitzer" an. "Mir liegt es fern, das Fass samt Inhalt in Mutter Natur zu entsorgen. Das werde ich auch nicht. Es steht eben weiterhin bei mir im Schuppen. Was anderes bleibt mir auch nicht, denn von meiner Rente kann ich nicht mal so einfach fast 100 Euro für eine Entsorgung berappen."

Aus dem Sachbereich hieß es dazu: Ein 200-Liter-Fass (Anmerkung der Redaktion: Laut Internetquellen wurden üblicherweise 30-Liter-Blechtrommeln zu DDR-Zeiten verkauft) stellt keine haushaltsübliche Menge dar, deren Sammlung über das Schadstoffmobil von der Müllgebühr abgedeckt wäre. Vielmehr hat die Bürgerin sich selbstständig über eine entsprechend zugelassene Firma, in diesem Fall Becker Umweltdienste GmbH mit Sitz in Wittenberge, um die fachgerechte Entsorgung zu kümmern. Nach heutiger Auskunft berechnet diese 1,50 Euro (netto) je Kilo. Und wörtlich: "Was die Anfahrt betrifft, findet sich vielleicht im Rahmen von Nachbarschaftshilfe eine günstigere Lösung als die Abholung durch die Firma."

Landkreis: Legal preiswerter als illegal

Die Gefahr der illegalen Entsorgung besteht natürlich immer, räumt auch der zuständige Sachbereich ein, " jedoch sollte neben dem allgemeinen Umweltbewusstsein auch die zu erwartende, im Vergleich zu den legalen Entsorgungskosten erheblich höhere Strafe die Bürger davon abhalten, über diese falsche Alternative ernsthaft nachzudenken".

Frau Müller tut es nicht, aber geholfen ist ihr damit auch nicht.


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