Archäologie: Funde an der Trasse der NEL-Gasleitung : 2000 Jahre altes Spielzeug in der Erde

Ein Tongefäß aus der Slawenzeit (12./13. Jahrhundert), das bei Ausgrabungen an der Pipeline  OPAL entdeckt wurde. dpa
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Ein Tongefäß aus der Slawenzeit (12./13. Jahrhundert), das bei Ausgrabungen an der Pipeline OPAL entdeckt wurde. dpa

Eisiger Wind pfeift über kahles Feld bei Hülseburg nahe der A24 im Landkreis Ludwigslust. Über den Höhenrücken zieht sich ein helles Band, 36 Meter breit. Die Trasse für die Erdgasleitung NEL ist schon abgesteckt.

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15. Februar 2011, 07:19 Uhr

Hülseburg | Eisiger Wind pfeift über kahles Feld bei Hülseburg nahe der A24 im Landkreis Ludwigslust. Über den Höhenrücken zieht sich ein helles Band, 36 Meter breit. Die Trasse für die Erdgasleitung NEL ist schon abgesteckt. Ab 2012 soll Gas aus Russland, das via Ostseepipeline nach Lubmin bei Greifswald fließt, durch die Nordeuropäische Erdgasleitung NEL quer durch Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen bis nach Bremen und Westeuropa weitertransportiert werden. Baubeginn ist im Frühjahr, doch schon jetzt brummt bei Hülseburg ein Bagger, schaufeln Männer in dicken Jacken. Es sind Archäologen, die nach Spuren früher Besiedlung suchen. Bei Hülseburg legen sie gerade die Überreste einer Siedlung aus dem ersten bis zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt frei. Wahrscheinlich waren die Bewohner Langobarden.

Die Männer schaufeln vorsichtig hellen Sandboden weg, bis an einen Flecken dunkleren Erdreichs heran. Jetzt werden sie noch vorsichtiger, arbeiten sich zentimeterweise voran. "Dunkleres Erdreich zeigt uns, hier haben die Bewohner der Siedlung eine Grube angelegt, eine Abfall- oder Kühlgrube", erklärt Grabungsleiterin Bettina Petrick. Holzkohle, Speisereste und anderes organisches Material in diesen Gruben färbten das Erdreich dunkler als seine Umgebung. Experten des Archäologischen Landesamtes haben 238 Abschnitte entlang der fast 240 Kilometer langen NEL-Trasse in MV nach Voruntersuchungen für Grabungen ausgewählt. Das sind dreimal so viele Plätze wie an der Opal-Trasse, die rund 100 Kilometer von Lubmin durch Vorpommern nach Süden führt. "Dort waren es 85", sagt Jens-Peter Schmidt vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege. Großartige Funde gab es dort, etwa den Hacksilberschatz von Anklam aus dem 9. Jahrhundert mit arabischen Silbermünzen.

Das "Totenhaus von Warsow"

Was die Archäologen bei den derzeitigen Grabungen zu Tage fördern, es sind Tausende Stücke, wird wissenschaftlich ausgewertet - und wandert ins Depot. So wird es auch einem kleinen Fundstück gehen, das den Wissenschaftlern Rätsel aufgibt. Grabungsleiterin Petrick hält ein Tongefäß hoch, darin eingeschlossen eine klitzekleine Handspindel aus Ton. Ist es eine Rassel für Kleinkinder oder ein anderes Spielzeug? Oder etwas ganz anderes?

Aktuell graben acht Teams zu je etwa zehn Mitarbeitern. "Bei Wind und Wetter", sagt Schmidt. Auch 20 Zentimeter tiefer Bodenfrost bremst sie nicht, denn die Baubagger sitzen ihnen förmlich im Nacken. "Wir müssen möglichst viele Fundstellen abarbeiten, bevor die Bauarbeiten beginnen, denn danach ist der Zeitdruck enorm." Zu den spannendsten Funden bisher zählt Schmidt das "Totenhaus von Warsow" aus der älteren Bronzezeit (um 1200 vor Christus) ganz in der Nähe der Hülseburger Ausgrabungsstätte. Ein Bau mit acht Pfosten, teilweise mit Steinen ausgelegt, verbrannte Knochen an einer Stelle. "Wir vermuten, dass das eine Art sakrales Gebäude war", sagt Archäologe Andreas Selent, Chef der NEL-Ausgrabungen.

Bei Diedrichshagen und bei Gustebin nahe Greifswald fanden die Ausgräber bronzene Gewandfibeln, in Glasow (Landkreis Demmin) ein mit silbernem Perldraht verziertes Bruchstück einer Bronzefibel. Nahe Loitz im Landkreis Demmin bargen sie ein besonders rares Stück aus dem Erdreich: einen perfekt samt Deckel erhaltenen spätslawischen Keramiktopf, schön verziert, aus dem 10./11. Jahrhundert. "Das ist etwas ganz Seltenes", sagt Schmidt über den Topf. "Meist finden wir nur Scherben." In der 250 Meter langen Ausgrabungsstätte bei Hülseburg entdecken die Archäologen neben Überresten von Bauernhäusern auch Öfen zur Eisenverhüttung sowie schwarzglänzende Tonscherben, die mit zeit- und regionaltypischen Mustern verziert sind. Eine "Feuerstülpe" hat Bettina Petrick aus einem guten Dutzend Scherben wieder zusammengesetzt. Das vasenähnliche, etwa 15 Zentimeter hohe Tongefäß hat keinen Boden und eine enge Halsstelle. "Es wurde am Abend über die Glut des Feuers gestülpt, um sie bis zum Morgen zu bewahren", erklärt Archäologe Selent. "Damit ersparten sich die Hausbewohner das seinerzeit sehr mühsame Feuerschlagen mit Feuerstein und Zunder."

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