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"Psychologische Landkarten" Studie: Mecklenburger sind gewissenhafter als Stuttgarter

Von Christopher Chirvi | 07.09.2018, 14:48 Uhr

Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen haben regionalen Persönlichkeitsmerkmale und Migrationsmuster untersucht.

Der Norddeutsche ist unterkühlt, der Süddeutsche gemütlich, Großstädter sind weltoffen und Landbewohner reserviert. Was wie eine Aneinanderreihung von Klischees klingt, kann dennoch etwas Wahrheit enthalten. Das zumindest ergibt eine Studie von Wirtschaftswissenschaftlern der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Psychologen aus Australien, Großbritannien und den USA zu regionalen Persönlichkeitsmerkmalen und Migrationsmustern. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass viele der zugeschriebenen Stereotypen zutreffen. 

Demnach ist in Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise die Verträglichkeit – im Sinne von Kooperationsbereitschaft – weniger ausgeprägt als im südlichen Bayern, im Südwesten Deutschlands rund um Freiburg sowie auch im westlichen Sachsen-Anhalt. Auf der anderen Seite sind die Bewohner der Mecklenburger Seenplatte gewissenhafter als beispielsweise die Menschen in Region rund um Stuttgart. 

Auch gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Zwar fallen sie relativ gering aus, doch es zeigt sich, dass die Ostdeutschen im Schnitt etwas weniger extrovertiert, weniger emotional stabil und weniger offen für neue Erfahrungen sind als Westdeutsche. Ostdeutsche, die nach Westdeutschland ziehen, sind dagegen offener, emotional stabiler, gewissenhafter und extrovertierter als Ostdeutsche, die in ihrer Heimat bleiben. Gleiches gilt für Menschen, die auf dem Land geboren sind und in die Stadt gezogen sind: Auch sie weisen deutlich höhere Werte im Bereich Offenheit auf, als diejenigen, die auf dem Land bleiben.  

Beim Thema Extroversion –  also einer nach außen gewandten, aktiven und geselligen Haltung – sind die Werte im Nordosten Republik insgesamt niedrig. Insbesondere gilt das für die Region an der dänischen Grenze, die schleswig-holsteinische Westküste und den Osten Mecklenburg-Vorpommerns. 

Und generell gilt auch: Landbewohner weisen ein geringeres Maß an Offenheit für neue Erfahrungen auf als Städter. Als besonders offen haben sich die Menschen in Berlin und in den Metropolregionen um Hamburg, Köln, aber auch Leipzig und Dresden herausgestellt. 

Mehr als 73.000 Personen wurden analysiert 

Für ihre "psychologischen Landkarten" haben die Wissenschaftler die Ausprägungen von insgesamt fünf verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen betrachtet: Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus, Offenheit für neue Erfahrungen und Gewissenhaftigkeit. "Dabei handelt es sich um fünf Persönlichkeitsmerkmale, die ab dem Erwachsenenalter relativ konstant bleiben und mit denen sich die Persönlichkeitsstruktur eines erwachsenen Menschen umfassend beschreiben lässt", so Prof. Dr. Martin Obschonka von der Queensland University of Technology. 

Warum diese Eigenschaften abhängig von der Region so unterschiedlich ausgeprägt sind, lässt sich durch die Studie nicht beantworten. "Möglicherweise können wir zwar beispielsweise einen Zusammenhang zwischen einer niedrigeren Belastbarkeit und wirtschaftlich schwächeren Regionen herstellen, allerdings ist damit nicht klar, was zuerst da war", sagt Prof. Dr. Michael Fritsch. 

"Trotzdem lassen sich aus den Ergebnissen durchaus ökonomisch relevante Informationen ableiten. Wenn wir uns beispielsweise die vorherrschenden Persönlichkeitseigenschaften in einer Region mit besonders hohen Gründerzahlen anschauen, dann lernen wir beispielsweise etwas über besonders unternehmerisch geprägte Persönlichkeitsstrukturen", so Fritsch. Solche und andere Analysen wollen die Forscher nun auf Basis ihrer "psychologischen Deutschlandkarte" weiter vorantreiben.

Für ihre "psychologischen Landkarten" haben die Wissenschaftler Daten von mehr 73.000 Personen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren analysiert, die an einer Online-Persönlichkeitsstudie im Rahmen des internationalen "The Big Five Project" teilgenommen haben.