Verschmutzung der Ostsee : Jeder fünfte Ostsee-Fisch verschluckt Mikroplastik

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30 Jahre alte Proben wurden neu untersucht. Die Ozeanforscher sehen Kleidung als Hauptquelle der Plastikpartikel.

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erstellt am 15.Nov.2017 | 12:00 Uhr

Jede fünfte Sprotte und jeder fünfte Hering in der Ostsee hat Mikroplastik im Magen – und das schon seit 30 Jahren. Das zeigt eine neue Studie, die das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel gemeinsam mit der Technischen Universität Dänemarks in Kopenhagen jetzt veröffentlicht hat. Es ist nach den Worten von Studien-Mitautor Dr. Jan Dierking von Geomar weltweit diejenige Untersuchung zu Mikroplastik im Meer, die am längsten zurückreicht.

Das liegt daran, dass Geomar unter anderem im Ostseebecken östlich von Bornholm seit 1987 regelmäßig Proben eingelagert hat. Sie sind auf jährlichen Fahrten mit dem Forschungsschiff „Alkor“ gesammelt worden. Sowohl Planktonproben aus filtriertem Wasser als auch Fische werden seit den Achtziger Jahren aufbewahrt. Gleich 800 tiefgefrorene Sprotten und Heringe haben die Wissenschaftler nun untersucht.

Eigentlich hat die Reihe der Entnahmen in den Achtziger Jahren begonnen, um die Entwicklung der Fischbestände und deren Nahrungsgrundlage zu überwachen. „Aber natürlich lässt sich diese Datenreihe auch nutzen, wenn neue Fragestellungen wie die Diskussion über Mikroplastik auftauchen“, erklärt Dierking. „Jetzt wissen wir: Es ist kein Problem, das aus dem Nichts gekommen wäre“, bilanziert der Meeresforscher. „Es existiert länger als wir dachten, nämlich seit mindestens drei Jahrzehnten.“

Mikrofasern aus Textilien

Die Größe der in der aktuellen Untersuchung gefundenen Plastikpartikel in Plankton und Fischen reicht von 0,1 bis 27 Millimeter. 93 Prozent dieser Kunststoff-Teilchen haben die Wissenschaftler als Mikrofasern aus Textilien identifiziert. Sie stammen aus Stoffen wie etwa Nylon oder Rayon. Die Experten nehmen an, dass die Teilchen sich in Waschmaschinen aus den Kleidungsstücken lösen – und wegen ihrer Winzigkeit weder von Filtern in den Haushaltsgeräten noch in den Kläranlagen aufgehalten werden. Auch Angelschnüre sowie manche Sorten von Tauen und Seilen gelten – in kleinerem Umfang – als Quelle für kleinste Kunststoff-Partikel im Wasser.

Dass die Konzentration der Teilchen seit 1987 offenbar nicht nennenswert gestiegen ist, hat Dierking „durchaus überrascht“. Schließlich habe die Verwendung von Mikroplastik in Produkten zugenommen, außer in Kleidung zum Beispiel auch in Kosmetika. „Unsere Studie zeigt damit, dass man regional hingucken muss“, stellt der Kieler fest. Daraus, dass Plastikreste auf den Weltmeeren drastisch zunehmen und etwa im Pazifischen Ozean ein Teppich aus Kunststoffmüll von den Ausmaßen Indiens entdeckt worden ist, lasse sich nicht automatisch auf die Ostsee schließen. Wobei Dierking betont: „Eine Stagnation ist schon schlimm genug. Das bedeutet ja auch, dass sich nichts verbessert hat.“

Mikroplastik als Gefahr für Mensch und Tier

An Mikroplastik können Fische, Vögel und andere Tiere verenden, wenn es in deren Mägen gelangt. Treten Chemikalien aus dem Plastik ins Gewebe der Fische ab, können diese Schadstoffe möglicherweise über die Nahrungskette auch von Menschen aufgenommen werden. „Das ist potenziell eine Gefahr. Und gerade die Langlebigkeit ist ein Problem“, unterstreicht der Meeresforscher.

„Woran es liegt, dass sich in der Ostsee keine weitere Zunahme nachweisen lässt, können wir noch nicht komplett erklären“, sagt Dierking. Eine Vermutung geht dahin, dass in osteuropäischen Anrainerstaaten nach der Wende überhaupt erst Kläranlagen mit einem gewissen Standard geschaffen wurden – und diese, wenn auch nicht alle, so doch aber zumindest einen Teil des Plastik auffangen. Zudem gibt Dierking zu bedenken, dass die Wasserproben das Mikroplastik in der Ostsee vermutlich nicht komplett erfasst haben: „Nach einer gewissen Zeit werden die Partikel von einem Biofilm aus Bakterien überwachsen. Das macht sie schwerer, so dass sie  auf den Grund sinken.“

Bisher war Plastikmüll in der Ostsee vor allem durch Zählungen von angetriebenen Resten an den Stränden dokumentiert. Nach Angaben des Bundesumweltamts fanden sich an deutschen Küstenabschnitten auf 100 Metern 70 Teile Kunststoffabfall. Mikroplastik im Wasser hingegen war bis jetzt nur in geringen Ansätzen erforscht.

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