Zuckerfabrik Güstrow: Letzer Tag

Es könnten die letzten beiden Rüben sein, die Udo Harten (l.) und Andreas Schwarz hier zeigen. Foto: Hans-Jürgen Kowalzik
Es könnten die letzten beiden Rüben sein, die Udo Harten (l.) und Andreas Schwarz hier zeigen. Foto: Hans-Jürgen Kowalzik

Deprimiert, traurig, ernüchtert, aber zum Größtenteil mit neuer Arbeit in der Tasche, das war gestern die Stimmung in der Güstrower Zuckerfabrik. An dem Tag, an dem die letzte Rübe zur Verarbeitung angeliefert wurde, denn das Werk schließt und nach 124 Jahren Zuckerproduktion in Güstrow wurde eine Tradition gekappt.

svz.de von
01. Februar 2008, 06:31 Uhr

Güstrow - Freitagmorgen. Es stürmt, Regen fällt aus dunklen Wolken. Eine düstere Stimmung. Sie passt zur Situation in der Güstrower Zuckerfabrik, in der an diesem Tag die letzten Rüben angeliefert werden, weil das Werk der Nordzucker AG schließt und nach 124 Jahren kein Zucker mehr in Güstrow mehr produziert wird. Der Grund: Die neue EU-Zuckermarktreform zwingt Nordzucker die Zuckerquote dauerhaft um 13,5 Prozent zu reduzieren, ebenso trifft das auf den Rübenanbau zu. Nordzucker hat sich gegen Güstrow entschieden. Bekannt ist das seit dem 28. September 2007 als die Belegschaft über das Aus des Güstrower Betriebes informiert wurde. Rund 100 Beschäftigte sind betroffen.

„Ein schwarzer Tag für Güstrow“, sagte damals Betriebsratsvorsitzender Kai-Uwe Schreiber.
Bernd Bindig (47), seit 33 Jahren im Betrieb, sieht das nicht anders. Er arbeitet in der Wache. Früher war er Anlagenfahrer. Neben ihm sitzt Günter Spiegelberg. Der 53-Jährige ist blind und seit 1974 Telefonist in der Zuckerfabrik. Seine Stimme kennt man. „Ich habe gewusst, dass es so kommt“, sagt er. Was später noch die meisten anderen Zuckerwerker erklären, bringt er auf den Punkt: „Der Osten hat bei Nordzucker keine Lobby.“ Selbst Werkleiter Udo Harten, der seit 1991 an der Spitze der Fabrik steht und seine Zukunft als Werkleiter in Klein Wanzleben hat, muss einräumen, dass auch die Zuckerfabrik Schladen hätte geschlossen werden können.

Ein Besucher merkt aber gestern im Betrieb nichts von allem. Auch am letzten Verarbeitungstag läuft die Produktion. Rund 250 Lkw sind noch einmal auf das Gelände gefahren und haben Rüben gebracht. Im Übergabeturm wacht Detlef Borngräber (53) über die Annahme der Rüben und die Wäsche. Gerade ist wieder der Metalldetektor angesprungen, wie tausende Mal in den 27 Jahren, die der Güstrower hier arbeitet. Er hat das Glück, in den Vorruhestand zu gehen. Trotzdem treibt ihn ein Gedanke als sein Blick über die letzten Zuckerrüben schweift. „Ich bringe nicht die Fantasie auf, dass dieses Gelände mit einer der schönsten Zuckerfabriken zur grünen Wiese wird.“

Aber Schönheit gilt in der Wirtschaft nichts, jedenfalls nicht in der Zuckerbranche. Das weiß auch Andreas Schwarz (41), stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Der ist vor allem immer noch böse auf den Vorstand von Nordzucker, der noch im Juni 2007 vor allen Betriebsräten für den Güstrower Standort Hoffnung verbreitet hatte. Drei Monate später war das Makulatur.

Bitter wird das auch, wenn man die letzte Kampagne betrachtet, in der Montag gegen 1 Uhr die letzte Rübe zu Weißzucker wird. In einer Rekorddauer von 139 Tagen wurden 1,092 Millionen Tonnen Rüben zu 750 000 Tonnen Zucker verarbeitet. Schwarz: „Damit haben wir bewiesen, dass wir so viele Rüben verarbeiten können und nicht zu klein sind.“

Das Schlimmste ist aber, dass eine Tradition in Güstrow gekappt wird. Dass die Arbeiter dafür nicht auf die Barrikaden gegangen sind – im Vergleich zu Dassow oder Bochum – liegt an den Angeboten, die Nordzucker unterbreitet hat. Jeder, der wollte, hat ein Arbeitsangebot erhalten. Von 72 Arbeitern haben es 68 angenommen. Die anderen gehen in Vorruhestand oder Rente. Gezahlt werden außerdem hohe Abfindungen. Aufs Januar-Gehalt wurden für die Stammbelegschaft 3500 Euro Erfolgsprämie aufgeschlagen. Dagegen könne man nichts sagen, so Schwarz. Aber auch er gehört zu denen, die Güstrow verlassen werden. Ab März arbeitet der Instandhaltungsmechaniker in Uelzen. Sagt es und will aber eigentlich noch gar nicht wahrhaben, dass es so sein wird

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