Zu hohe Ansprüche an Lehrlinge? - Viele Firmen wollen nur die Besten, können Stellen nicht besetzen

Tobias Prochnow hat Glück gehabt und hat in  der Sternberger Biodieselanlage ecoMotion einen Ausbildungsplatz gefunden. Er wird Chemielaborant und befindet sich bereits im    3. Lehrjahr. Hier untersucht er gerade   den Fremdkörperbesatz von Raps und fischt mit der Pinzette Getreide, Stroh, Unkrautsamen, Kletten und ähnliches heraus. Foto: Evelyn Bubber-Menzel
Tobias Prochnow hat Glück gehabt und hat in der Sternberger Biodieselanlage ecoMotion einen Ausbildungsplatz gefunden. Er wird Chemielaborant und befindet sich bereits im 3. Lehrjahr. Hier untersucht er gerade den Fremdkörperbesatz von Raps und fischt mit der Pinzette Getreide, Stroh, Unkrautsamen, Kletten und ähnliches heraus. Foto: Evelyn Bubber-Menzel

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01. September 2008, 05:56 Uhr

Sternberg - „Wir haben in diesem Jahr erstmals die Situation, dass die Zahl der Ausbildungsstellen die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen fast überflügelt, beziehungsweise dass beides sich die Waage hält. In den letzten Jahren hatten wir immer zu wenig Ausbildungsstellen für zu viele Bewerber. Dieses Verhältnis hat sich jetzt verändert“, so Axel Goldbecher, Leiter der Arbeitsagentur Sternberg.

Konkret stehen im Sternberger Raum den noch unbesetzten 25 Ausbildungsstellen 26 Bewerber gegenüber, die noch keine Lehrstelle haben.

Eine maßgebliche Ursache für die noch vorhandenen freien Stellen sieht Goldbecher in den hohen Ansprüchen vieler Unternehmen.

Da es in den letzten Jahren immer mehr Schulabgänger als Lehrstellenangebote gab, „konnten die Betriebe bisher immer die Leistungsspitze bei den Schulabgängern abschöpfen.“ Viele Betriebe stellten auch für Lehrberufe, für die eigentlich ein Realschulabschluss reicht, nur Abiturienten ein.

„Dieses Anspruchsverhalten haben viele Arbeitgeber zum Teil beibehalten. Heute sind aber bei uns bedeutend weniger Bewerber um eine Ausbildungsstelle auf dem Markt als früher“, stellt Axel Goldbecher fest.

Erstens nehmen inzwischen viele Abiturienten ein Studium auf und immer mehr Jugendliche suchen sich einen Ausbildungsplatz in der Fremde.

„Der Einser-Realschüler geht heute oftmals woanders hin, wo er sich auch später bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz ausrechnet“, so die Erfahrung von Axel Goldbecher und seinen Kollegen. Auch vom Lohngefüge und dem Lehrlingsentgelt macht es mancher abhängig, ob er hier bleibt oder nicht.

Wenn in dieser Situation dann ein Arbeitgeber sagt: von meinen Anforderungen geh’ ich nicht runter, ich nehm’ nur einen guten Abiturienten oder einen sehr guten Realschüler, dann bleibe die Lehrstelle häufig unbesetzt.

„Die Arbeitgeber müssen sich auf neue Bedingungen einstellen. Denn nächstes Jahr wird die Situation noch gravierender, da wird sich die Zahl der Schulabgänger halbieren“, blickt Axel Goldbecher voraus.
Mittelfristig werde sich der Ausbildungsmarkt so regulieren, dass auch Realschulabgänger mit einem durchschnittlichen Zeugnis wieder bessere Chancen auf dem Ausbildungsstellenmarkt haben, ist er überzeugt.

„Auch ein Realschüler, der vielleicht ’ne drei in Mathe hat, kann gute Leistungen bringen, wenn er im Betrieb richtig motiviert wird“, ist der Arbeitsamtschef überzeugt.

Er könne nur an die Unternehmen appellieren, meint er, „bevor sie gar keinen Lehrling einstellen, es mit dem Einstiegs-Qualifizierungs-Jahr (EQJ) zu versuchen, um zu gucken, wie sich der junge Mensch im Betrieb macht.

Dabei handelt es sich um ein Jahr, das der Lehre vorgeschaltet ist. „Wer daran Interesse hat, sollte sich umgehend bei uns in der Arbeitsagentur melden“, so Axel Goldbecher. Und er kündigt an: „Wenn sich der Jugendliche bewährt und anschließend ein Lehrvertrag zu Stande kommt, kann dieses EQJ bei den meisten Ausbildungsgängen sogar als Ausbildungszeit angerechnet werden.“

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