Ziemlich riskantes Geschichtsfernsehen - Ein Kommentar

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29. Februar 2008, 09:17 Uhr

Der Untergang einer Stadt im Bombenkrieg – „Dresden“, 2005 ein Fernseh-Zweiteiler. Das Inferno der Flucht 1944/45 – „Die Flucht“, ein Fernseh-Zweiteiler. Die größte Schiffskatatsrophe aller Zeiten – „Die Gustloff“, ein Fernseh-Zweiteiler. Moment mal

Es begann im Jahr 2002 mit Jörg Friedrichs Buch „Der Brand“, diesem monumentalen, ungewöhnlich sprachgewaltigen Werk über die Bombardierungen Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Das war noch ein Thema für das Feuilleton, wo erbittert um Friedrichs Buch gefochten wurde.

Quoten-Renner im Fernsehen, wie es „Die Flucht“ und „Dresden“ waren und es „Die Gustloff“ werden wird, zeigen seit Jahren aber einem weit größeren Publikum die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges aus der Perspektive der deutschen Opfer. Und niemand regt sich wirklich darüber auf. Aufregen sollte man sich auch nicht, nachdenken schon.

Die Perspektive verschiebt sich allmählich Jetzt also die Gustloff als Fernseh-Ereignis, aber begeitet von der üblichen Werbekampagne: Man mache ein vergessenes Drama zum Thema, man mache einen Antikriegsfilm. Ehrenwerte Motive sind das, aber derlei Geschichtsfernsehen bringt ein Risiko: So wird allmählich und vielleicht nicht einmal gezielt der Eindruck erweckt wird, das Grauen des Krieges sei etwas gewesen, was über die Deutschen kam. Dieser Eindruck ist falsch. Der Krieg kam über Europa und Deutschland brachte ihn.

Die „größte Katastrophe der Seefahrtsgeschichte“ sei die Versenkung der Wilhelm Gustloff mit rund 9000 Toten. Stimmt. Was nicht stimmt, ist die immer wieder zu hörende These, der Untergang sei ein vergessenes Symbol für das Grauen des Krieges, ein tragendes Sinnbild. Es ist leider so: Gemessen am Gesamtpanorama eines Schlachtens, dem an jedem Tag zigtausende Menschen zum Opfer fielen und zeitweise täglich ähnlich viele russische Kriegsgefangene in deutschen Lagern verendeten wie Menschen auf der Gustloff umkamen, ist der Untergang des Schiffes nur ein Aspekt. Allerdings einer, der sich für Regisseure und Drehbuchautoren anbietet, das ist wahr.
Filmemacher tragen hohe Verantwortung Die Verfilmung ist legitim, und niemand wird an sie die Maßstäbe anlegen, an denen sich Historiker messen lassen müssen. Das entbindet allerdings die Filmemacher nicht von der Pflicht, die historischen Gewichtungen zu wahren. Es muss klar bleiben: Die ersten Täter des Krieges waren Deutsche und sie blieben es bis zum 8. Mai 1945. Leider ist das in den jüngeren Fernsehfilm-Großprojekten ein wenig sehr übergangen worden. Mit der einen oder anderen karikaturhaften Nazi-Nebenrolle ist es nicht getan.

Die Ausstrahlung des TV-Zweiteilers „Die Gustloff“ wird zeigen, ob Regisseur Joseph Vilsmaier der hohen Verantwortung seines Projektes gerecht geworden ist. Wir werden ja sehen.

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