zur Navigation springen
Neue Artikel

25. September 2017 | 20:56 Uhr

Ziemlich arme Schweine

vom

svz.de von
erstellt am 10.Nov.2011 | 07:40 Uhr

Schwerin/Mestlin/Klein Daberkow | Manchmal weht der Wind den Gestank zu seinem Haus hinüber. Dann weiß Ingo Thomas wieder, dass er den Kampf verloren hat. Vor ein paar Jahren kamen die Pläne eines Schweinezüchters aus dem Münstlerland ans Licht, in Mestlin (Landkreis Ludwigslust-Parchim) eine Schweinemastanlage bauen zu wollen. Zusammen mit einigen Mitstreitern gründete Thomas damals die Bürgerinitiative gegen Schweinemast in Mestlin. "Wir wollten das nicht in unserem Ort", sagt Thomas. Noch heute klingt seine Stimme kämpferisch. Erfolg hatte die Initiative nicht. Und das, obwohl die Anlage in einem geplanten Vogelschutzgebiet steht. "Mit genau diesem Argument wurden Windkraftanlagen abgelehnt - absolut paradox", sagt der Mestliner. Vor zwei Jahren kamen die Schweine. Immerhin nur ein Stall mit einer Kapazität von rund 1500 Tieren. "Wir haben aber Angst, dass in Zukunft weitere Ställe gebaut werden könnten", sagt Thomas.

Genehmigt: Größte Mastanlage in MV

Über einen Stall mit 1500 Tieren kann Karsten Förster nur lachen. Er ist Sprecher einer Bürgerinitiative in Klein Daberkow (Kreis Mecklenburgische Seenplatte), wo jüngst ebenfalls ein Kampf verloren ging. Das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) in Neubrandenburg genehmigte den Bau der größten Hähnchenmastanlage in Mecklenburg-Vorpommern. Acht Ställe dürfen demnach gebaut werden. Kapazität: 400 000 Tiere.

"Die Genehmigung ist fehlerhaft und nicht hinnehmbar", sagt Förster. Für ihn steht mehr auf dem Spiel als nur die reine Luft. Denn dem Rechtsanwalt gehört das Schloss Rattey. Hier baut der Geschäftsmann Wein an, auch Hochzeitsgesellschaften kommen regelmäßig. Noch jedenfalls. Denn Förster fürchtet den Gestank. "Projekte wie diese bringen den Tourismus in ernsthafte Gefahr", so der Rechtsanwalt.

Bedenken, die Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) zwar verstehen kann. Er glaubt, dass in Zukunft stärker auf einen Konsens zwischen den Interessen von Landwirtschaft, Bevölkerung und Tourismus geachtet werden müsse. Gleichzeitig legt er aber auch Wert auf bundeseinheitliche Kriterien. In greifbarer Nähe sind die allerdings bislang nicht. Und so wird wohl noch mancher Bau einer großen Anlage ins Land ziehen, bevor sich Grundlegendes ändert.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die Bürgerinitiative wollen nun gegen den Bau der Anlage in Klein Daberkow klagen. "Daran führt kein Weg vorbei, denn auch aus tierrechtlicher Sicht ist diese Größe nicht vertretbar", sagt Corinna Cwielag, Geschäftsführerin des BUND in Schwerin.

Der Investor sieht das ganz anders. Die Anlage erfülle hohe Tierschutzanforderungen, unterstreicht Investor Friedrich-Ernst Wilfarth. Die Fronten zwischen Tierschützern und Mästern sind seit Jahren verhärtet. Was artgerecht ist - darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Massentierhaltung expandiert deutlich

Einzelfälle sind Mestlin und Klein Daberkow nicht. Ostdeutschland wird immer mehr zu einem Eldorado der Massentierhaltung. Vor allem niederländische Unternehmen und große Investoren drängen auf den Markt in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Es sind Unternehmen, die die Fleischproduktion als Massengeschäft verstehen. Sie expandieren stetig, sie wachsen ständig. Romantisch ist das Verhältnis zum Tier bei diesen Unternehmen eher nicht. Denn es geht um niedrige Preise und hohe Renditen.

Überhaupt geht es beim Thema Fleischindustrie oft ums Geld. Um sehr viel Geld: Schätzungen zufolge hat die Branche einen Jahresumsatz von rund 34 Milliarden Euro. Beim Geld hört die Freundschaft auf, sagt man. Auch die Freundschaft zwischen Mensch und Tier, so scheint es. Längst wird in Deutschland nicht mehr nur Fleisch für den Binnenmarkt produziert. 20 bis 25 Prozent des in Deutschland produzierten Fleischs wird Schätzungen zufolge ins Ausland exportiert. Umweltverbände glauben, dass die in Mecklenburg-Vorpommern geplanten Riesen-Mastanlagen bis zu 90 Prozent für das Ausland produzieren könnten. Denn weit über eine Milliarde Chinesen haben immer mehr Hunger auf Fleisch. Ein todsicheres Geschäft.

Millionenschwere Exportsubventionen

Ein Geschäft allerdings auch, das für deutsche Verbraucher ein Problem aufwirft: Denn sie können durch die steigenden Exporte immer weniger den deutschen Markt beeinflussen. Selbst wenn niemand in Deutschland mehr Fleisch aus Intensivtierhaltung kaufen würde: Das Ausland bliebe ein konstanter Abnehmer. Unliebsame Nachfragen über die Herkunft gibt es dort kaum. Und die Europäische Union vergoldet die Fleischexporte zudem mit schicken Subventionen.

Auch, dass gerade holländische Fleischfabrikanten auf den ostdeutschen Markt drängen, kommt nicht von ungefähr. Denn in den Niederlanden gibt es anders als in Deutschland eine Obergrenze für die Nutztierhaltung. Sie wurde eingeführt, weil die intensive Tierhaltung mehr und mehr die Umwelt belastet hatte. Für die holländischen Unternehmer hat das doppelte Subventionen zur Folge: Fahren sie in ihrem Heimatland die Produktionszahlen zurück, bekommen sie eine Förderung aus den Niederlanden. Bauen sie in Deutschland neue Ställe, gibt es noch einmal eine Unterstützung. Wer da nicht zugreift, ist dumm. Zumindest aus unternehmerischer Sicht.

Kein Wunder, dass in den vergangenen zehn Jahren rund 130 Mastanlagen in Mecklenburg-Vorpommern entstanden sind. Mindestens 18 weitere befinden sich aktuell in Bau, Planung oder Erweiterung. Schon jetzt liegt die Jahresproduktion von Masthähnchen bei fast 76 Millionen, schätzt der BUND. "Auch dank einer vollkommen verfehlten Subventionspolitik", kritisiert Corinna Cwielag.

Doch die Politik scheint das nicht sonderlich zu interessieren. Dafür jedenfalls sprechen millionenschwere Subventionen. Eine BUND-Studie listet auf, dass intensive Schweine- und Geflügelmast im Jahr 2009 mit rund einer Milliarde Euro deutscher Subventionen unterstützt worden sei. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sieht das kaum anders aus.

Ermittlungen wegen Subventionsbetrugs

Redselig sind die Fleischfabrikanten nicht. Unangenehme Fragen schweigt die Branche nicht selten tot. Zu viel Aufklärung stört das Geschäft. "Wenn die Mauern der Schlachthöfe aus Glas wären, würde jeder Vegetarier werden", hat Beatles-Musiker Paul McCartney einmal gesagt. Weite Teile der Fleischindustrie scheinen nicht ganz unähnlich zu denken: Publikum unerwünscht. Nicht verwunderlich, zeigen sich doch immer wieder Verstrickungen in offenbar zum Teil halbkriminelle Machenschaften. Die Rostocker Oberstaatsanwaltschaft erhob im September Anklage gegen den Betriebsleiter des Grimmener Unternehmens Guts-Gold Nord. Der Vorwurf: Subventionsbetrug. Die Höhe: fast fünf Millionen Euro. "Den Angeschuldigten wird vorgeworfen, im Zeitraum von Januar 2008 bis August 2009 im Zusammenhang mit dem Export gefrorener Schlachthühner in Nicht-EU-Staaten in insgesamt 379 Fällen zu Unrecht sogenannte Ausfuhrerstattungen beantragt und erhalten zu haben", sagt Staatsanwältin Maureen Wiechmann. Ausfuhrerstattungen werden nämlich nur dann gewährt, wenn die Lebensmittel den EU-Qualitätsanforderungen entsprechen. Genau das soll bei Goldgut Nord nicht der Fall gewesen zu sein. Die Anklage ist zumindest ein Beweis dafür, mit welch harten Bandagen auf dem Fleischmarkt gekämpft wird.

Eines scheint klar zu sein: Für Großbetriebe, Investoren und Agrarriesen ist der Osten Deutschlands ein ziemliches Paradies. Für Schweine und Hähnchen dagegen sind die Bedingungen alles andere als paradiesisch.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen