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22. November 2017 | 03:06 Uhr

Zerrissen zwischen Heimat Ost und Heimat West

vom

svz.de von
erstellt am 01.Aug.2012 | 12:29 Uhr

Ich wuchs behütet in einem kleinen thüringischen Dorf auf und erlebte die Grenzöffnung und den Niedergang der DDR als Kind nur am Rande… In der nächsten größeren Stadt, Jena, begann ich ein Studium und lernte während dieser Zeit meinen jetzigen Mann kennen, der aus Hessen kommt. Schnell war uns beiden klar, dass wir gemeinsam etwas aufbauen wollten. Vieles sprach dafür, dies in Westdeutschland zu tun. So machte ich mich Anfang 2004 auf und zog zu ihm nach Hessen nahe Frankfurt am Main - 350 Kilometer weg von zu Hause an einen Ort, in dem ich außer ihm niemanden kannte.

Was bedeutet Heimat eigentlich für mich? Liegt sie dort, wo ich aufgewachsen bin, also in Ostdeutschland, in Thüringen, wo meine Wurzeln und Kindheitserinnerungen sind? Oder liegt sie im westdeutschen Hessen, wo ich inzwischen seit acht Jahren wohne, neue Freunde und eine Arbeit gefunden habe, die mir sehr viel Spaß macht? Und spielt dabei der Ost-West-Unterschied eine große Rolle, oder liegt es eher an regionalen Besonderheiten, wo man sich zu Hause fühlt? Ich begebe mich auf Spurensuche.

Heimat ist Sprache

Sehr prägnant unterscheiden sich Sprache beziehungsweise Mundart der beiden Gegenden. Hier wird nämlich nicht einfach "hessisch gebabbelt", sondern eine Sonderform gesprochen, die für Außenstehende besonders schwierig ist. Ich kann mich noch gut an eine Begebenheit erinnern, die wenige Tage nach meinem Umzug nach Hessen geschah und mir ein unbehagliches Gefühl vermittelte: Ich befand mich vormittags in einem Bus auf dem Weg in die nahegelegene Kleinstadt. Vor mir saßen zwei ältere Damen um die 60 und unterhielten sich im ortsüblichen Dialekt. Ich verstand kein einziges Wort, nicht mal das Thema. In diesem Augenblick kam ich mir wie eine Ausländerin in Deutschland vor, welche die Landessprache nicht beherrscht. Ich kam aus einer anderen Welt!

Auch bei einigen Familienangehörigen und Freunden meines Mannes hatte ich anfangs Probleme, dem Gespräch zu folgen. Inzwischen habe ich mir einige wenige Wörter der hiesigen Mundart angeeignet und kann sie insgesamt besser verstehen…

Auf der anderen Seite gibt es den Dialekt meines Herkunftsgebietes: Thüringisch mit direkten Einflüssen aus Sachsen-Anhalt und Sachsen. Das vermisse ich sehr! Wenn ich ihn höre, dann ist es wie zu Hause zu sein. Dennoch merke ich auch, dass ich diesen Dialekt kaum noch selbst sprechen kann und mir schon Kommentare wie: "Haste hier etwa schon alles vergessen?" anhören muss. Mittlerweile tauchen die ersten Verständnisprobleme mit dem Thüringisch auf, so- dass ich bei gewissen Menschen genau hinhöre oder sogar das eine oder andere Mal nachfrage.

Kompliziert wird es auch, wenn es um Uhrzeiten geht. Hier in Hessen heißt 8:45 Uhr Viertel vor neun und 9:15 Uhr Viertel nach neun. Das klingt für Ostdeutsche nicht logisch, denn wir kennen Viertel und drei Viertel. So ist bei uns 8:45 Uhr drei Viertel neun und 9:15 Uhr schon Viertel zehn. In Hessen ticken die Uhren also anders. Das führte am Anfang meiner Beziehung zu Missverständnissen. Mittlerweile verabrede ich mich meist in der hessischen Variante, auch wenn ich mit Ostdeutschen spreche, die mich dann irritiert anschauen. Das ist alles gar nicht so einfach, und Deutsch ist eben nicht gleich Deutsch.


Heimat sind Menschen

Auch die persönlichen Kontakte in Ost- und Westdeutschland spielen bei der eigenen Definition von Heimat eine große Rolle. Als ich mich damals entschloss, zu meinem jetzigen Mann nach Hessen zu ziehen, kannte ich dort sonst niemanden. Anfangs bedeutete das eine gewisse Vereinsamung, denn ich hatte meine Schwierigkeiten, nach dem Umzug neue, dauerhafte Kontakte zu knüpfen. Erst nach und nach haben sich beständige Freundschaften entwickelt.

Gleichzeitig musste ich erfahren, dass sich viele Kontakte zu Bekannten und Freunden in meiner Herkunftsgegend verloren.

Man traf sich aufgrund der Entfernung nicht mehr und verlor sich aus den Augen. Hier ist ein Stück Heimat in Thüringen abhanden gekommen. Inzwischen gibt es nur noch einen kleinen Kern, mit dem ich in regelmäßigem Kontakt stehe. Dabei helfen Telefon und soziale Netzwerke. Ich habe auch wieder begonnen, Briefe zu schreiben oder Postkarten zu verschicken.

Die eben genannten Schwierigkeiten würden sich wohl ebenso zeigen, wenn ich nach Dresden oder Stuttgart gezogen wäre. Was mir in Hessen gut tut, sind die vielen Menschen gleichen und unterschiedlichen Alters, die ebenfalls aus Ostdeutschland kommen und hier leben, wohnen und arbeiten. So kann ich mit anderen gemeinsame Erinnerungen teilen und mir so ein Stück Heimat bewahren…

Heimat ist ein Gefühl

Meine Heimat befindet sich weder allein im ostdeutschen Thüringen noch allein im westdeutschen Hessen. Sie ist hier, wo ich jetzt lebe und arbeite, mir etwas aufgebaut habe. Und doch ist sie auch dort, wo meine Wurzeln und Kindheitserinnerungen liegen. Zu Hause im Osten beinhaltet für mich viele positive und auch einige negative Erinnerungen an eine Zeit, die sehr prägend war. Zu Hause im Westen steht für mich für Mut und Stolz: In einer fremden Gegend mir etwas Neues aufzubauen!

Ich fühle mich in Mittelhessen wohl, aber trotzdem kommt manchmal Heimweh auf. "Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!", singt Herbert Grönemeyer dazu in einem Lied. Ost und West sind unterschiedlich in Bezug auf die Mentalitäten der Leute, ihren Umgang mit der Vergangenheit, aber auch hinsichtlich der beruflichen Aussichten in den Regionen.

Beide Gegenden fügen sich zu meiner Heimat, aber mein Heimatgefühl ist doch auch immer zerrissen. Denn einerseits entfremde ich mich meiner thüringischen Heimat zusehends, und gleichzeitig gehöre ich noch nicht vollständig zur hessischen dazu.

Mit gemischten Gefühlen betrachte ich also gespannt, wie sich meine zerrissene Heimatverbundenheit in den nächsten Jahren entwickeln wird.

(Auszüge aus "Dritte Generation Ost")

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