Yacht im Ost-Look glänzt auf Messe

Letzte Arbeiten an einem  'Variant'-Kajütboot in der kleinen Werft in Plate bei Schwerin.dpa
Letzte Arbeiten an einem "Variant"-Kajütboot in der kleinen Werft in Plate bei Schwerin.dpa

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22. Januar 2010, 11:23 Uhr

Schwerin | Wer in der DDR stolzer Besitzer eines "Variant"-Kajütbootes war, konnte sich glücklich schätzen. Auf solch motorisierten Wasserflitzer mussten Freizeitkapitäne schon mal ebenso lange warten wie Autofahrer auf einen Trabi oder Wartburg.

Von den begehrten Tourenbooten, den einzigen ihrer Art made in GDR, stellte der Volkseigene Betrieb VEB Wiking Schwerin im Jahr höchstens 50 Exemplare aus teuer importiertem Mahagoniholz her, verkauft wurde streng nach Warteliste. Derzeit erleben die "Variant"-Boote trotz Wirtschaftskrise eine ungeahnte Renaissance.

Ein kleiner Familienbetrieb in Plate südöstlich Schwerins setzt seit eh und je auf das alte Ostprodukt in neuem Outfit. Chef ist der fast 70-jährige Bootsbaumeister Jürgen Schubert. Anno 1967 hatte er in Schwerin den ersten "Variant" entwickelt und mit dem Stift auf Papier gebracht, erinnert sich der Unternehmer. Bis 1983 wurde das heiß begehrte Kabinenboot komplett aus edlem Holz gebaut - rund 700 Motoryachten liefen dereinst am Schweriner See vom Stapel. Bis schließlich auch für diesen Luxusartikel der DDR das Material und die Devisen ausgingen und das Boot nur noch aus Kunststoff für den Export nach Westeuropa hergestellt wurde.

1989 war der VEB Wiking pleite. Schubert, bis dahin Betriebsdirektor, machte sich selbstständig und die "Variant"-Produktion wieder flott. Der mit allen Wassern gewaschene Bootsbauer kaufte 1990 ein Grundstück am Störkanal nahe der neuen Landeshauptstadt. Rund eine halbe Million D-Mark investierte er in die Werkstatt, einen kleinen Hafen mit acht Liegeplätzen, Baudock und Slipanlage. In seine Boote indes steckte Schubert noch jahrelange Tüftelei, um die traditionsreichen Freizeitschiffe auf den Stand der Technik zu bringen und im Detail dem Geschmack der Hobbykapitäne anzupassen - bis heute mit wachsendem Erfolg.Den wirtschaftlichen Einbruch der letzten zwei Jahre überlebten der gewiefte Handwerker und seine sieben festen Mitarbeiter mit nur wenigen Neubauten, dafür vielen Reparaturen und Umbauten. "In Krisenzeiten sind Verbesserungen an Booten mehr gefragt denn je", so der Senior, der das Ruder in Plate nach wie vor fest in den Händen hält. "Service hat uns über die lange Durststrecke gerettet", sagt er. Ein großes Winterlager für 70 Boote in zwei ausgedienten Agrarhallen sicherten immer wieder kleinere Aufträge. Kein Mitarbeiter wurde entlassen, auch Sohn Thorsten - der junge Meister - und Tochter Gabriela durften im Bootsbau Schubert bleiben, der heute zu den ganz seltenen deutschen Handwerksbetrieben seiner Branche gehört.

Jetzt gehe es wieder aufwärts, Neubau-Aufträge gebe es bis April, frohlockt Schubert. Zur diesjährigen internationalen Wassersportmesse "boot" in Düsseldorf fährt der alte Meister mit einem ganz neuen "Variant". Die um gut einen auf über sieben Meter verlängerte Yacht passt kaum noch in die kleine Werft am Störkanal. Die glasfaserverstärkten Kunststoffrümpfe seiner Schmuckstücke lässt der Meister im nahen Lübesse oder in Wiek auf der Insel Rügen ausformen.

Auf warmes Holz, gute Handarbeit und deutsche Werkstoffe legt Schubert viel Wert. "Das alles gibt dem Boot erst seine Seele", ist er überzeugt. Nur das Steuern seiner Familien-Traumschiffe überlässt der bodenständige Mecklenburger den Italienern: Die auf Hochglanz polierten Steuerräder bezieht er aus Venedig. Mit ihrem nostalgischen Charme, viel Platz, Komfort und allem technischen Schnickschnack stehen die Ost-Kajütboote inzwischen bei Wassersportfreunden der alten Länder ganz oben auf der Hitliste.

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