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15. Dezember 2017 | 11:14 Uhr

Wulff versucht den Befreiungsschlag

vom

svz.de von
erstellt am 04.Jan.2012 | 07:59 Uhr

Rücktritt? „Nein, denn ich hatte die ganzen Wochen über große Unterstützung“, antwortet Christian Wulff. Es ist das wohl wichtigste Interview seiner politischen Laufbahn. 21 Minuten Kreuzverhör im Studio von ARD und ZDF.
Die Stimme bricht, er atmet schwer im Scheinwerferlicht, im Hintergrund die künstliche Kulisse seines Amtssitzes Schlosse Bellevue. Nun also doch. Der Bundespräsident bricht sein Schweigen, will sich erklären und entschuldigt sich für seinen Versuch, die Presseberichte über seine Kreditaffäre zu verhindern. Der Anruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann sei „ein schwerer Fehler, der mir leid tut, für den ich mich entschuldige“, gibt sich der Präsident selbstkritisch. Dieses Verhalten für sein eigenes Amtsverständnis „nicht hinnehmbar“.

Wulff in der Rolle zwischen reuigem Sünder mit menschlichen Schwächen und selbstbewusstemn Kämpfer. Ja, er habe Fehler gemacht, aus denen er lernen wolle. Nein, er werde nicht zurücktreten, sondern weiter im Amt bleiben und wolle ein guter Bundespräsident werden. „Ich weiß, dass ich nichts Unrechtes getan habe, aber auch nicht alles richtig gemacht habe“, räumt Wulff ein.
Der Bundespräsident gibt sich entschlossen: Er werde nicht gleich weglaufen, wenn es das erste Mal schwierig werde. „Wem es in der Küche zu heiß wird, der darf nicht Koch werden“, zitiert Wulff den früheren amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman.

Wars das? Ist das der Befreiungsschlag? „Jetzt ist wirklich alles von innen nach außen und umgekehrt gewendet worden“, versichert Wulff. Seine Anwälte hätten inzwischen 400 Fragen beantwortet, von der Kreditaffäre über die Bezahlung der Garderobe seiner Frau bis hin zu Bewirtungspesen. Um vollständige Transparenz zu gewährleisten werde alles ins Internet gestellt, kündigt Wulff an. Der Präsident Wulff hatte es hochspannend gemacht. Erster Arbeitstag im neuen Jahr, und es geht um alles. Warten auf den Bundespräsidenten und seine entscheidenden Worte. Geht er in die Offensive? Liefert er nun doch neue Erklärungen zu seinem umstrittenen Kredit und seinen Drohanrufen in eigener Sache bei der Presse?

Am späten Nachmittag dann bricht das Staatsoberhaupt in einem Fernsehinterview sein Schweigen. Punkt 20.15 Uhr beginnen in ARD und ZDF fünfzehn Minuten Kreuzverhör zu den immer neuen Vorwürfen. Bereits um 17.15 Uhr war die Sendung unter dem Titel „Der Bundespräsident stellt sich“ vorab aufgezeichnet worden. Erste Sequenzen waren bereits vorher in Sondersendungen von ARD und ZDF zu sehen.

Keine Pressekonferenz, keine unbequemen Fragen. In den Stunden zuvor war pausenlos telefoniert worden. Der Präsident hatte sich gleich mehrfach mit Angela Merkel besprochen. Beide stünden „im ständigen Austausch“, hieß es. „Die Bundeskanzlerin hat volles Vertrauen, das der Bundespräsident auch weiterhin alle anstehenden Fragen umfassend beantworten wird“, ließ Merkel durch ihren Vize-Regierungssprecher erklären. „Es gibt Dinge, die kann einfach nur der Bundespräsident klären“, beschreibt Merkels Sprecher die hohen Erwartungen.

Wulff will auf Nummer Sicher gehen, gibt keine Pressekonferenz, um allzu vielen unbequemen Fragen auszuweichen. Auch lädt er nicht wie noch am 22. Dezember die Presse zu einer Erklärung ins Schloss Bellevue, sondern fährt am Abend ins Hauptstadtstudio der ARD, um das Interview zu führen. Auf eine ausführliche schriftliche Erklärung warten die Hauptstadtkorrespondenten zunächst vergeblich.

Bereits gestern morgen wurde klar: An Rücktritt denkt Wulff offenbar nicht. Der Präsident wolle im Amt bleiben, heißt es aus dem Präsidialamt – vernichtende Kritik hin oder her.
Die Deutschen sind laut Umfragen tief gespalten in der Frage, ob Wulff im Amt bleiben soll oder nicht.
Wulff hat die Rückendeckung der Kanzlerin und der Unionsspitze. „Volles Vertrauen“ nicht nur von Merkel. Auch CSU-Chef Horst Seehofer versichert in Wildbad Kreuth, dass seine Partei hinter dem Staatsoberhaupt stehe: „Die CSU steht zu diesem Bundespräsidenten, und er hat auch unser Vertrauen.“ Darüber gebe es „volles Einvernehmen“ zwischen ihm und Merkel, so der bayerische Ministerpräsident.

Auffällig: Solidaritätsbekundungen aus der FDP-Spitze gibt es an diesem Tag nicht. Und die Opposition geht weiter auf Distanz.
Wie genau kam der zinsgünstige Kredit für sein Eigenheim in seiner Zeit als
niedersächsischer Ministerpräsident zustande? Wie kam es zu dem persönlichen Drohanruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und der Intervention bei den Verlegern des Springer-Verlags, mit denen er die Berichterstattung verhindern wollte? Und welche Verbindungen hat Wulff zu den Geschäftsleuten, bei denen er und seine Frau auf Einladung mehrere Urlaube verbracht haben? Und gibt es möglicherweise noch weitere Ungereimtheiten oder Verfehlungen? Fragen, auf die auch Merkel schnelle und klare Antworten erwartet.

Ob er nur noch ein Bundespräsident auf Bewährung sei, wird Wulff am Abend im Interview gefragt. „Völlig daneben“, „abwegig“, sei dies, wehrt er sich. Schließlich habe er keine Gesetze gebrochen oder Rechtsverstöße begangen, sagt und Wulff und will lieber nach vorne schauen: „Wir brauchen jetzt auch die Kraft, uns wieder um Politik zu kümmern“, sagt der Präsident und wirkt am Ende erleichtert.


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