Deutsche Bahn : Wirbel um die Bahncard

Dementis, Spekulationen, Kritik: Vorbereitungen für neues Preismodell und Streit über Reformpläne

svz.de von
05. Dezember 2014, 07:35 Uhr

Sofort kommt das empörte Dementi. Aus für die beliebte Bahncard? Ende des Rabatt-Angebots? „Es gibt kein Abschaffen der Bahncard, das ist völliger Quatsch“, zieht Konzernchef Rüdiger Grube die Notbremse und widerspricht den Berichten. „Dreiste Falschmeldung“, heißt es aus dem Bahn-Tower in Berlin. Am Nachmittag räumt die Konzernspitze aber ein, dass es bei Preisstruktur und Zugangeboten grundlegende Veränderungen geben solle. Das System werde umgebaut. Bahncard 50 und Bahncard 25 würden in jetziger Form erhalten bleiben, versichert die Konzernspitze, und durch neue Angebote ergänzt.

Meldungen unter Berufung auf ein Geheimpapier („streng vertraulich“) für den Bahn-Aufsichtsrat sorgen gestern den ganzen Tag über für heftigen Wirbel. Man könne die Formulierungen in dem Dokument durchaus als angekündigten Abschied von der mehr als fünf Millionen Mal verkauften Rabattkarte verstehen, heißt es in Aufsichtsratskreisen besorgt. Wenn die Bahn-Führung das wirklich wolle, werde es „ein Beben geben“: Statt der Bahncard soll es künftig „Kundenkonten“ geben, Rabatte in Zukunft nur noch für Großkunden und Vielfahrer und gemäß der Auslastung eines Zugs eingeräumt werden, hatte der „Hessische Rundfunk“ berichtet. Auch von drastischen Einschränkungen des Fernverkehrs, des Angebots bei Auto- und Nachtzügen ist die Rede.

Alles nur ein Missverständnis? Der Vorstandschef lässt derzeit verschiedene Szenarien durchspielen, eine Antwort auf den Fahrgastschwund durch die Fernbus-Konkurrenz und das dadurch entstehende Umsatzminus im Fernverkehr erarbeiten – offenbar mit dem Ziel, die Kosten im Fernverkehrsgeschäft bis 2017 um 1,5 Milliarden Euro zu senken. Es seien „grob falsche Interpretationen“ im Umlauf, so Personenverkehrs-Vorstand Ulrich Homburg. Es gehe „um eine sinnvolle Ergänzung der heutigen Bahncard-Systematik“. Es seien Angebote und Anreize für Kunden geplant, die sich von den bisherigen Bahncards nicht angesprochen fühlten. Mit der Bahncard 25 werde es weiterhin 25 Prozent Rabatt geben. Der Konzern plane zudem keine drastischen Einschränkungen im Fernverkehrs-Angebot.

Kommando zurück? Erleichterung bei Regierung und Opposition. „Die Bahncard gehört zur Mobilitätskultur in Deutschland. Sie ist beliebt, hat sich bewährt und wird Bestand haben“, erklärte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt gestern auf Anfrage unserer Redaktion. Der Fernverkehr, der nach Ansicht von Konzernchef Grube zum „Brot-und-Butter-Geschäft“ der Bahn gehört, ist im Augenblick ein Sorgenkind. Im ersten Halbjahr gab es ein Minus von 2,8 Prozent. Ein Grund ist der boomende Fernbus-Markt: Die Billigpreis-Städteverbindungen entpuppen sich als gefährliche Konkurrenz.

Sparplan und Reformpläne für Tarife und Zugangebot waren im Konzern offenbar wie eine geheime Kommandoaktion vorbereitet worden. Am Mittwoch hatte Grube noch mehr Komfort und modernere Züge versprochen – mit Investitionen von 200 Millionen Euro. Mit Qualität punkten, so sein Credo. Den Preiskampf mit den Fernbussen könne die Bahn ohnehin nicht gewinnen, weiß Grube, der sich jüngst als Inkognito-Passagier selbst ein Busticket von Hamburg nach Berlin gekauft und die Konkurrenz getestet hatte. Geschlagen geben will er sich auf keinen Fall. Stattdessen soll die Bahn mit neuen Preis- und Rabattangeboten in die Offensive kommen. Dass Details der Überlegungen gestern vorab durchsickerten – eine veritable Panne für den Top-Manager. Über die Details schweigt Grube.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen