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18. November 2017 | 04:09 Uhr

"Wir wollen keinen Dreck. Honecker muss weg"

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erstellt am 11.Mär.2012 | 05:50 Uhr

Berlin | Zwei Berliner Staatsanwälte wurden am 1. Dezember 1990 beim Kommando der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte im brandenburgischen Wünsdorf vorstellig. Sie übergaben einen Haftbefehl gegen Erich Honecker, der sich unter dem Schutz der sowjetischen Armee in deren Militärhospital Beelitz südlich von Potsdam aufhielt.

Der im Oktober 1989 gestürzte DDR-Staats- und SED-Chef sollte nach dem Willen der - mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik- zuständigen bundesdeutschen Staatsanwaltschaft für die Todesschüsse an der Mauer zur Rechenschaft gezogen werden. Honecker, so hieß es im Haftbefehl, stehe unter dem dringenden Tatverdacht des mehrfachen Totschlags.

Doch die Rotarmisten in Wünsdorf machten keine Anstalten, ihn auszuliefern. Im Gegenteil: Der sowjetische Verteidigungsminister Dmitrij Jasow ließ im März 1991 ein Armeeflugzeug bereitstellen, mit dem Honecker - mit schweigender Zustimmung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) - nach Moskau ausgeflogen wurde. Nach den turbulenten Monaten der DDR-Wendezeit konnte sich Honecker mit seiner Ehefrau Margot vorerst in Sicherheit wiegen.

Schon im Januar 1990, noch vor den freien Volkskammerwahlen vom 18. März, hatte die DDR-Staatsanwaltschaft Honecker "wegen Hochverrats, Vertrauensmissbrauchs und Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums" kurzzeitig inhaftieren lassen. Fehlende juristische Beweise und eine schwere Nierenoperation retten ihn zwar vor weiterer Haft, aber nicht vor drohender Obdachlosigkeit. Sein altes Domizil in Wandlitz blieb für ihn gesperrt.

Das Ehepaar Honecker fand auf Vermittlung des früheren Aufsichtsratsvorsitzenden der Krupp AG, Berthold Beitz, Kirchenasyl in einem Pfarrhaus in Lobetal bei Berlin und konnte schließlich im sowjetischen Militärhospital Beelitz Quartier beziehen. Der Versuch von DDR-Premier Hans Modrow (PDS), Honecker in einem Regierungsgästehaus in Lindow bei Neuruppin einzuquartieren, war am Widerstand der Einheimischen gescheitert. Zusammen mit rachedurstigen Hingereisten skandierten sie lautstark: "Honecker muss weg, wir wollen keinen Dreck!"

Erst im November 1992 konnte vor der 27. Strafkammer des Landgerichts Berlin der Prozess gegen Ho necker eröffnet werden. Moskau hatte ihn zur unerwünschten Person erklärt und auch die Moskauer chilenische Botschaft, wo er kurzfristig untergekommen war, ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt. Im Juli 1992 wurde er der deutschen Justiz überstellt. Doch die Verhandlungen gegen den schwer erkrankten Honecker mussten im folgenden Januar eingestellt werden. Der Angeklagte, so das Berliner Verfassungsgericht, werde "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Ende des Strafverfahrens nicht mehr erreichen". Umgehend fliegt Honecker zu seiner Frau nach Santiago de Chile, wo der 81-Jährige im Mai 1994 seinem Krebsleiden erlag. Der Honecker-Prozess, schrieb 1992 das Magazin "Der Spiegel", war ein "Experiment, die moralische und politische Schuld eines Staatsmannes unter die Normen des Strafrechts zu bringen".

Peter-Michael Diestel (CDU), letzter Innenminister der DDR, sprach 2010 in seinen Lebenserinnerungen von einem "tragischen Theaterstück". Die Ausreise Honeckers nach Chile sei für alle Beteiligten die beste Lösung gewesen - "von den Modrow-Linken bis hin zu den Bundespolitikern, die sich einst mit Honecker auf Fotos präsentierten und diese ’Peinlichkeit’ natürlich auch zu gern vergessen machen wollen".

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