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17. November 2017 | 18:48 Uhr

„Wir waren Ausgestoßene"

vom

svz.de von
erstellt am 14.Nov.2011 | 11:28 Uhr

Schwerin | Demmin war die Hölle - immer, wenn Edda Krohmann diesen Satz sagt, werden ihre Lippen schmal. Die gebürtige Neubrandenburgerin, Jahrgang 1951, war 14, als ihre Eltern sie mit dem Vorwurf "aufsässig" im "Durchgangsheim Demmin" abgeben. Warum, weiß sie bis heute nicht. Ihre Mutter war seinerzeit im Auto vor der Tür sitzen geblieben, nie gab sie ihrer Tochter Antwort, auf die brennenden Fragen: Warum hast du mich abgeschoben? Warum mich und keines deiner anderen sieben Kinder? Warum hast du mich immer nur Fräulein genannt?

Im Haus muss sich das Mädchen ausziehen, erhält Holzpantinen und Einheitskleidung. Bei der Unterhose zögert es. Die Erzieherin schlägt sofort zu, reißt das Stück Stoff vom Körper. Beim Treffen von DDR-Heimkindern am Wochenende in Schwerin - rund 50 sind gekommen - hat Edda Krohmann erfahren, dass eben jene Erzieherin noch immer im selben Haus arbeitet, wenngleich das Heim von heute mit dem von einst nichts mehr zu tun hat. "Und auch nicht mit den normalen Kinderheimen von damals. Wir waren Ausgestoßene", sagt Edda Krohmann. "Es wurde uns in die Seelen gehauen: Ihr taugt nichts."

Gitter vor den Fenstern, Stacheldraht am Zaun, kein Geburtstag, kein Weihnachten. Freundschaften waren nicht erlaubt, kein Kontakt zwischen Mädchen und Jungen. Edda Krohmann erinnert sich an Einzelunterbringung und nächtliche Strafkommandos - "Hände auf den Rücken, Treppen steigen, im Winter barfuß. Demmin war die Hölle."

Von dort ging es für sie weiter in den Jugendwerkhof Burg bei Magdeburg. Dort hat sie Annelore getroffen, ein Mädchen, das aus der gleichen Gegend kam wie sie selbst. Sie sind bis heute Freundinnen, die stille Anni aus Neubrandenburg und die mutige Edda aus Berlin, die eine von der anderen dazu überredet, beim Treffen der Ehemaligen dabei zu sein.

Annelore Scheurell sagt wenig. Sie hört vor allem zu. Immer wieder nestelt sie nach einem Taschentuch und wischt über die großen blauen Augen. "Was wir erlebt haben, kann keiner glauben", sagt sie. Und: "Wir waren doch Kinder damals." Manche haben es nicht ausgehalten. In Burg hing sich ein Mädchen in der Waschküche auf, und Zwillingsbrüder haben sich im Gartenteich tränkt. "An sie muss erinnert werden, dieses Unrecht darf nicht in Vergessenheit geraten", sagt Edda Krohmann. Sie hat für die neugegründete Interessenvertretung der DDR-Heimkinder eine Aufgabe im Sprecherrat übernommen.

Mit 18 konnte Edda Krohmann den Jugendwerkhof verlassen. Den Abschiedssatz des Anstaltsleiters hat sie nie vergessen: "Als Bild bist du gekommen, und als Rahmen schicken wir dich wieder nach Hause." Mit ihrem Teilfacharbeiter als Gärtnerin hat sich Edda Krohmann nicht begnügt, sie wurde Frisörin, bekam drei Kinder. Seit zehn Jahren lebt sie von einer schmalen Frührente. "Der Psyche wegen", sagt sie. "So etwas wirst du nicht mehr los." Zu ihren Geschwistern hat Edda Krohmann ein liebesvolles Verhältnis. "Ich weiß, wie leid es ihnen tut, dass sie einen gerade Weg gehen konnten und ich nicht." Warum? Diese Frage wird Edda Krohmann zeitlebens quälen.

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