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Architektur und Planwirtschaft : Wie hätte die DDR aussehen können ...

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Architektur in der DDR – dazu fallen vielen Menschen ein paar Highlights wie der Berliner Fernsehturm ein und ansonsten Plattenbauten und verfallene Altstädte. Das Leibniz Institut für Regionalentwicklung (IRS) in Erkner bemüht sich um ein ausgewogenes Bild.

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erstellt am 20.Jan.2014 | 13:17 Uhr

Architektur in der DDR – dazu fallen vielen Menschen ein paar Highlights wie der Berliner Fernsehturm ein und ansonsten Plattenbauten und verfallene Altstädte. Das Leibniz Institut für Regionalentwicklung (IRS) in Erkner bemüht sich um ein ausgewogenes Bild.

Harald Engler ist 50, Historiker, stammt aus dem Schwarzwald und fand DDR-Architektur früher „ziemlich schrecklich“. Inzwischen ist er bundesweit einer der bedeutendsten Hüter eines riesigen Erbes. Hunderttausende Fotos, Skizzen und Pläne von Bauwerken aus Rostock, Suhl und Frankfurt (Oder) liegen im modernisierten IRS-Archiv in Erkner. 7000 Kurz-Biografien nebst Porträtfotos von Architekten und Stadtplanern aus dem Osten fügen Engler und Kollegen gerade in eine öffentlich zugängliche Datenbank ein. Und dann sind da noch hunderte Stunden von Interviews mit Zeitzeugen, gesichert für die Nachwelt.

Eine Menge Material, aber es gibt eben unglaublich viel zu erzählen. Harald Engler tut das mit großer Leidenschaft, eine Anekdote nach der anderen kann er liefern zu Anspruch und Wirklichkeit der DDR-Architektur. Wilfried Stallknecht zum Beispiel habe mit seinem Plattenbautyp P2 „supermoderne Gebäude“ geplant. Die Menschen sollten die Möglichkeit haben, nichttragende Wände zu verschieben, den Zuschnitt der Wohnungen nach ihren Wünschen zu verändern.


Diskrepanz zwischen Idee und Planwirtschaft


Dafür sollte es vom Möbelkombinat Hellerau eine Einrichtungsserie im Baukastenprinzip geben, für 16 Wohnungstypen. „Aber es ist schief gegangen. Das Programm lief erst schleppend und dann gar nicht mehr“, kommt Engler zur traurigen Pointe. „Die Architekten waren dann natürlich frustriert, und die Menschen fanden es nicht so toll, in langweiligen Wohnungen zu leben.“

Diese Diskrepanz zwischen guter Idee und den Tücken der Planwirtschaft zieht sich nach Englers Einschätzung wie ein roter Faden durch die Baugeschichte im Osten. Dies differenziert darzustellen, Gelingen und Scheitern zu zeigen, hat er sich zur Aufgabe gemacht.

So räumt er ein, dass die Stadtbilder relativ monoton waren, dass die Farben fehlten, dass die Siedlungen oft zu groß waren, zu sehr auf Quantität geachtet wurde. Aber man dürfe auch nicht außer Acht lassen, dass viele Bauten heute einen schlechten Eindruck machen, weil sie nicht gepflegt werden. Nicht nur in Eisenhüttenstadt, Berlin oder Warnemünde gebe es gute Häuser, selbst in kleineren Städten finde man Gebäude, die höheren Ansprüchen genügen. „In Bernau oder Berlin-Marzahn funktioniert Platte noch heute.“


Moderne Ansätze scheiterten am Geld


Engler betont, dass es anfangs einen modernen Ansatz gab: Raus aus den Mietskasernen. Mehr Licht, mehr Komfort. Zumindest bis in die 1970er-Jahre sei der Standard in den neuen Wohnungen bemerkenswert gewesen. „Die Architekten hatten eine gute Ausbildung, sie hatten gute Ideale und gute Ideen. Sie wollten auch gut bauen“, ist Engler überzeugt. Die Philosophie, in Plattenbauweise neue Siedlungen mit eigenen Zentren auf der grünen Wiese zu errichten, sei damals europaweit angesagt gewesen. Vielerorts bemühte man sich um innovative Entwürfe. In Rostock wurden hanseatische Traditionen in die Plattenbauweise integriert.

Aber bei der Umsetzung habe oft das Geld gefehlt, die Mieten waren zu niedrig, und so blieben Zentren unfertig. „Die Wohnungsbaukombinate machten Druck. Sie hatten die Macht“, sagt Engler. Und sie wollten Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen. Das Budget für Wäscherei, Kino, Café, Bibliothek und Grünanlagen strichen sie zusammen. Wenn die Sozialbauten dann nicht ganz wegfielen, wurden sie zumindest kleiner als geplant umgesetzt. „Das sorgte für einen Verlust an Lebensqualität und war in meinen Augen mit ein Grund für den Zusammenbruch der DDR.“ Wie Menschen wohnen habe eine große gesellschaftliche Relevanz, schätzt der Historiker ein.

Ökonomischer Druck auf Architekten sei zwar keine Eigenheit der DDR, aber die Ausmaße schon, urteilt der Historiker. „Und es wurde immer schlimmer im Laufe der Zeit.“ Engler erzählt, wie Baumeister um ihre Pläne gekämpft haben, wie sich etwa der Frankfurter Stadtarchitekt Manfred Vogler in Bürgermeister Fritz Krause einen Verbündeten suchte, um dem Wohnungsbaukombinat Geld abzuringen für die individuelle Gestaltung von Hauseingängen. Vogler sei es auch gelungen, am Staatshaushalt vorbei Schwarzbauten durchzusetzen, zum Beispiel die Sanierung der Frankfurter Marienkirche. „Das fand die SED gar nicht toll, war dann aber voller Freude bei der Eröffnung dabei.“ Dieses Subversive, die Machtorientierung einiger DDR-Architekten sei höchst spannend, sagt der Experte.

Nicht verhindern konnten sie trotz Protesten die fatale politische Weichenstellung, nur noch Platte zu machen, auch in den Innenstädten, und die alten Gebäude ihrem Schicksal zu überlassen. Engler betont: „Viele Architekten haben erkannt, dass die Groß-Siedlungen in eine Sackgasse führen.“

Aber es hatte System, die Stimme der Bauleute zu ignorieren. Sie seien gezielt in der Anonymität des Kollektivs gehalten worden, um individuelle Handschriften zu verwischen, um Mut und Anspruchsdenken im Keim zu ersticken. „Das war eine Katastrophe für den ganzen Berufsstand“, sagt Engler. Aber einigen sei es gelungen, sich selbstbewusst daraus zu befreien. Vieles lief informell, man ging auch Bündnisse mit der Stasi ein, um Projekte durchzusetzen.


Eine einzigartige Sammlung


Er erzähle keine Heldengeschichten, betont der Historiker. Aber die Schicksale einzelner Bauleute würden mehr über die DDR vermitteln als das Studium der Strukturen dieses Staates. Auch sei es schade, dass heute kaum die Namen derer bekannt sind, die Wichtiges geschaffen haben. „Wir wollen die früheren Baumeister ernst nehmen, ihnen ein Gesicht geben, sie vor dem Vergessen bewahren“, betont Engler, der bei dem von Bund und Land Brandenburg finanzierten Forschungsprojekt des Leibniz Instituts den Hut auf hat.

Schon jetzt sind dank der Leibniz-Initiative unter www.digipeer.de unzählige Arbeiten von DDR-Architekten einsehbar, noch fehlen allerdings erklärende Texte. Auch die Arbeiten an den Kurzbiografien laufen noch. Basis dafür sind die jeweiligen Aufnahmeanträge für den Bund der Architekten der DDR. Eine einzigartige Sammlung sei das, schwärmt Engler. Er sieht Archiv und Datenbank in Erkner als Anlaufstelle für alle, die tiefer in das Thema DDR-Architektur einsteigen wollen und vielleicht auch an einer Alternativgeschichte interessiert sind, nach dem Motto: Wie hätte die DDR ausgesehen, wenn die Architekten ihre Ideen hätten umsetzen können.

Vor allem würde er sich über Schulklassen freuen, die sich mit interessanten Architekten aus der Region beschäftigen. „Wie sehen ihre Pläne aus, wie ihre Gebäude, und was sagt uns das über die DDR? Das können sehr spannende Projekte werden“, ist Harald Engler überzeugt.

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