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Kultur : Wie das Bier zum Objekt der Kunstbegierde wurde

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bier macht kreativ. Das besagt eine wissenschaftliche Studie. Viele Beispiele in der Kunst bestätigen, dass die Trinkkultur die Malerei beeinflusst hat.

svz.de von
erstellt am 16.Apr.2016 | 16:00 Uhr

Das beliebte Bier regte wohl nicht nur Künstler an, sondern ist ganz offensichtlich auch als Motiv auf zahlreichen Kunstwerken zu sehen.

Bedeutende Künstler machten Bier zu Kunst – wie zum Beispiel Rembrandt van Rijn (1606-1669). Auf einem seiner Gemälde sitzt ein prächtig gekleideter Mann in einem Wirtshaus, mit dem Rücken zum Betrachter. Es handelt sich um Rembrandt persönlich. Es ist ein Selbstbildnis. Auf dem Kopf trägt er ein schwarzes Barett mit Straußenfedern, an seinem Gürtel einen prunkvollen Degen. Vergnügt dreht er sich über die linke Schulter und erhebt sein Bierglas, um dem Betrachter des Bildes zuzuprosten. Mit seiner linken Hand berührt er die Hüfte einer jungen Frau, die auf seinem Schoß sitzt. Die beiden lassen es sich gutgehen. Und vor allem am Bier erkennt man, wie ausgelassen die Stimmung ist.

Rembrandt hat in diesem Gemälde nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau Saskia abgebildet. Lange Zeit dachte man das der Künstler mit dem Doppelporträt das gemeinsame Glück feiern wollte - Rembrandt als stolzer Künstler, der mit sich und seinem Leben zufrieden ist und seinen Erfolg genießt. Doch heute zweifeln Kunsthistoriker an dieser Deutung. Es besteht dagegen weitgehend Einigkeit, dass es sich um die Darstellung eines biblischen Gleichnisses handelt, das vom verlorenen Sohn. Denn in einer langen ikonografischen Tradition wurde der verlorene Sohn genau in dieser zechenden Weise dargestellt. In diesem Werk ist das Bier demnach nicht nur Beiwerk, sondern Attribut. Wie passend, dass der berühmte Maler übrigens namensgebend für ein Gebräu ist, das Rembrandt Lager Beer. Auf dem Etikett ist allerdings ein anderes Selbstbildnis zu sehen.

Ein zweiter großer Künstler, der sich entschied, ein Bier zu malen, ist Pablo Picasso (1881–1973). Um 1900 fertigte Picasso eine Reihe von Porträts von dem spanischen Dichter Jaime Sabartés an. Das bekannteste dieser Porträts zeigt Sabartés mit einem riesigen Bierkrug, weswegen das Bild neben der Bezeichnung „Der Dichter Sabartés“, zu sehen im Pushkin-Museum in Moskau, auch den Namen „Le Bock“ inne hat. Darauf zu sehen ist der Dichter, wie er nach seiner Ankunft in Paris allein in einer Taverne sitzt und etwas betrübt Bier trinkt. Er war gelangweilt, bis Picasso mit einigen Begleitern erschien und ihn aufmunterte. Sabartés wurde ein enger Freund des Malers und sein Privatsekretär. Das Ölgemälde „Le Bock“ ist wohl das erste Werk in Picassos „Blauer Periode“. Es zeichnet sich nicht nur durch die Blau-Töne aus, sondern auch durch den Umgang mit Themen wie Leiden, Ablehnung und Armut. Das Bier, dass hier zunächst ebenfalls als Attribut als letzter Halt oder Trost erscheint, wandelt sich allerdings durch die Erzählung von der Freundschaft der beiden Männer zu einem Symbol der Geselligkeit.

Bier diente höchstwahrscheinlich nicht nur als Motiv, sondern förderte auch die Kreativität von Künstlern. Dafür spricht die bereits erwähnte wissenschaftliche Studie, die besagt, dass Konsum von Bier den Einfallsreichtum fördert. Für ihre Studie wählten Psychologen der University of Illinois in Chicago 40 gesunde Männer im Alter zwischen 21 und 30 Jahren aus. Die Versuchspersonen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erhielt das Äquivalent von einer Maß Bier, um einen durchschnittlichen Blutalkoholwert von 0,7 Promille zu bewirken, die andere Gruppe blieb nüchtern. Anschließend mussten alle einen Sprachtest absolvieren. Die Ergebnisse bestätigten die Ausgangsthese der Psychologen, dass durch mäßigen Alkoholkonsum die Kontrolle der Aufmerksamkeit nachlässt, wodurch kreativere Prozesse als im nüchternen Zustand stattfinden können. Also durch ein wenig Bier - nicht zu viel - den Kopf freibekommen, um sich kreativ zu entfalten. Das wird der ein oder andere Künstler im Laufe der Kunstgeschichte getan haben.

Und wenn Bier nicht in den Köpfen von Künstlern wirkt, dann eben in direkt in ihren Arbeiten. Bei der sogenannten Biermalerei. Diese Lasurtechnik schafft Imitationen auf Holz, Blech oder Textilien. Wobei sie eher in der Dekorationsmalerei verwendet wird, als in der großen Kunst. Farbpigmente werden dabei in Bier eingerührt, um Stein, insbesondere Marmor, und Holzmaserungen wie zum Beispiel Nussbaum zu imitieren. Das Bier dient als Bindemittel. Der Anstrich riecht nur solange nach Bier, wie er feucht ist. Über die Biermischung kommt am Ende noch eine Schutzschicht, da die Lasur nicht abriebfest ist. Verwendet wird die Lasurtechnik besonders bei Möbeln, aber auch für Treppenhäuser und Holzpaneele. Weil die Imitationen so täuschend echt aussehen, kam sie auch in der Theatermalerei zum Einsatz. Heute nutzt man diese Technik noch um Armaturenbretter von Oldtimern zu restaurieren.

Ein Klassiker unter den Bildern zum Thema Bier ist ein Werbeplakat. Kurioserweise ist darauf aber kein Bier zu sehen. Das als „Der durstige Mann” bekannte Plakat der Marke Tuborg malte der dänische Illustrator Erik Henningsen (1855–1930), der das Bild im Jahr 1900 im Rahmen eines Plakatwettbewerbs für die dänische Brauerei erstellte. Eigentlich hatte Henningsen mit seinem Bild nicht gewonnen, doch der damalige Geschäftsführer von Tuborg, Benny Dessau, zog Henningsens Werk allen anderen vor. Seine Worte waren eindeutig: „Kunstverstand habe ich keinen, aber das Plakat, das ist es!“ Das Plakat, das seit über einem Jahrhundert weit über Dänemarks Grenzen hinaus bekannt ist, gilt als eines der Hauptwerke der Werbung.
Es zeigt einen korpulenten Herr auf einem Wanderweg, der aufgrund eines Fußmarsches in brütender ins Schwitzen geraten ist und eine Pause macht. Man sieht förmlich wie er denkt: „Jetzt ein kühles Bier!“ Entgegen damaliger Konventionen, Produkte in der Werbung zur Schau zu stellen, kommt das Plakat ohne einen direkten Hinweis darauf aus. Henningsen reduzierte sein Werk auf die Darstellung des Durstes. Eine Bierflasche ist nicht zu sehen. Es funktioniert. Das Plakat hat bis heute seine Wirkung nicht verloren und wird nach wie vor verwendet. Kein Zweifel Bier macht kreativ.

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