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20. August 2017 | 13:46 Uhr

Wer arm ist, stirbt früher

vom

Berlin | Es ist kein Geheimnis: Wer arm ist, stirbt früher. Was viele schon immer gewusst haben, wird nun durch eine neue, offizielle Statistik untermauert. Innerhalb von nur zehn Jahren hat sich die Lebenszeit von ehemaligen Geringverdienern im Rentenalter sogar deutlich verkürzt: Zwischen 2001 und 2010 von durchschnittlich 77,5 Jahre auf 75,5 Jahre. Im Osten sogar noch stärker von 77,9 auf 74,1 Jahre. Was ist passiert? Die Zahlen sind so ungewöhnlich, dass man sie kaum glauben mag. Aber sie stimmen, wie die Deutsche Rentenversicherung auf Anfrage bestätigte. Betrachtet wurde das "Rentenwegfallalter", also das Sterbealter. Dieses nahm für Beschäftigte mit überdurchschnittlichem Einkommen zwischen 2001 und 2010 von 82,5 auf 83,4 Jahre zu. Schwarz auf Weiß zeigt sich: Wer gut situiert ist, lebt länger - und ist erfahrungsgemäß auch weniger krank.

Der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwege hat dafür eine einfache Erklärung: Der Druck auf Menschen im Niedriglohnsektor ist nach seinen Worten durchweg höher, die Gesundheitsversorgung schlechter, die Lebenserwartung geringer. Dass Geringverdiener durch ungesunden Lebenswandel dazu selbst beitragen, hält er für nachvollziehbar. Wer deren Sorgen habe, betäube sich eben "eher mit Zigaretten und Alkohol".

"Je niedriger die soziale Schichtzugehörigkeit, desto größer die Krankheitslast", wissen Experten schon seit Langem. Der Bundesverband der Lungenärzte findet die aktuelle Statistik plausibel: Der durchschnittliche Raucher verliere als Folge seiner Sucht im Schnitt zehn Lebensjahre. "Dieser Effekt reicht völlig aus, die verkürzte Lebenserwartung bildungsferner Schichten zu erklären", betonen die Fachärzte. Und fordern - wie auch immer - den Tabakkonsum strikt zu kontrollieren.

Auch wenn die Zahlen, die die Bundesregierung in einer Antwort auf die Große Anfrage der Linkspartei selbst mitlieferte, nicht lügen: Sie sind nach Auffassung von Bundesarbeitsministerium und Rentenversicherung nur mit Vorsicht zu genießen. "Es gibt keinerlei belastbare Anzeichen dafür, dass der grundsätzliche Trend zu einer höheren Lebenserwartung quer durch alle Einkommensgruppen gebrochen wäre", sagte ein Sprecher von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen mit Verweis auf das Statistische Bundesamt.

Das hatte erst vor wenigen Wochen eine weiter gestiegene Lebenserwartung auch für die über 65-Jährigen festgestellt: Danach hat ein heute 65-jähriger Mann noch eine Lebenserwartung von 17 weiteren Jahren und vier Monaten, eine gleichaltrige Frau von 20 Jahren und 7 Monaten. Nach den aktuellen Sterblichkeitsdaten werde statistisch gesehen jeder zweite Mann wenigstens 80 Jahre alt, jede zweite Frau sogar mindestens 85.

Die Rentenversicherung warnte vor Fehlinterpretationen ihrer Statistik: Diese beruhe auf einer so kleinen Fallzahl, dass daraus "keine Trendaussage" herausgelesen werden dürfe - die Rede ist von 10 000 bei insgesamt 400 000 zugrundeliegenden Fällen.

Schon 2009 hatte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert, dass das aktuelle Rentensystem lang lebende Gutverdiener begünstige. Das DIW forderte damals, die Benachteiligung der kleinen Leute durch eine neue Rentenformel auszugleichen: Die sollte nicht nur die Einzahlungen, sondern auch die Lebenserwartung berücksichtigen. Bei Menschen mit Jahreseinkommen bis 35 000 Euro sollte dies zu einer höheren Rente führen, bei Besserverdienern zu einer Rentensenkung um bis zu 500 Euro monatlich. Der Vorstoß versandete. Er hatte politisch keine Chance, weil dann auch nach Geschlecht oder Beruf hätte unterschieden werden müssen: Auch Frauen oder Pastoren haben bekanntlich Aussicht auf ein langes Leben.

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erstellt am 12.Dez.2011 | 07:43 Uhr

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