Wenn sich der Mensch selbst fremd wird

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26. Juni 2012, 09:33 Uhr

Schwerin | "Wie alt sind Sie?" Er überlegt einen Moment. Dann antwortet er verlegen: "Das weiß ich gerade nicht." Seine Frau hilft ihm: "77. Er ist 77 Jahre alt, genauso wie ich." Achim Schneider* hat Demenz. Vor über drei Jahren erhielt er die Diagnose. Seitdem ist für ihn und seine Familie nichts mehr wie bisher. "Meine Töchter und ich waren damals über seine Fragen schockiert", erinnert sich seine Frau Inge. "So fragte er mich, wo eine bestimmte Straße liegt - dabei ist er dort schon hundertmal langgegangen." Sie wurde stutzig, drängte ihn zu einem Neurologen zu gehen. Doch dort bestand er alle Tests. Statt einer Demenz-Diagnose gab der Arzt der Ehefrau mit auf den Weg, sie solle etwas entspannter sein, nicht nach etwas suchen, wo nichts ist.

Doch sie blieb hartnäckig, so dass er schließlich von einem anderen Mediziner für zwei Wochen ins Krankenhaus eingewiesen wurde, um dort gründlich untersucht zu werden. Die dortige Diagnose bestätigte ihre Befürchtungen. Ihr Mann hat Demenz, genauer gesagt, ist er an Alzheimer erkrankt. "Er tat sich sehr schwer damit, die Erkrankung zu akzeptieren, auch weil damit klar war, dass er kein Auto mehr fahren konnte", erinnert sie sich. Heute weiß er: "Ich brauche Hilfe. Denn ich kann bestimmte Dinge nur noch schwer einschätzen und übernehme mich manchmal."

Doch das Zulassen von Hilfe fällt ihm trotzdem nicht leicht. "Ich kann nicht mehr alles alleine, das muss ich einsehen. Trotzdem: Man schämt sich", ringt er nach Worten." Ich habe auch Angst meinen klaren Verstand zu verlieren. Oft habe ich das Gefühl nichts mehr wert zu sein." Seine Frau hat Tränen in den Augen und greift nach seiner Hand. Sie möchte ihn stützen, doch auch ihre Kraft ist beschränkt.

Zwei Krebserkrankungen hat sie in den vergangenen Jahren überstanden. Nun versucht sie die Kraft zu finden, um ihrem Mann zur Seite zu stehen, so wie in den über 50 Jahren ihrer Ehe. Das ist oftmals nicht einfach, trotz der Hilfe ihrer Töchter und Schwiegersöhne. "Er lässt sich nicht gerne etwas sagen", erklärt sie und schaut ihn an. "Ein Kind lernt dazu, wenn man es nur oft genug wiederholt. Bei einem Demenzkranken klappt das nicht und das muss man erst einmal akzeptieren."

Der Alltag hat sich verändert. Selbst vor kleinen Erledigungen schreibt sie ihm heute einen Zettel, damit er weiß, wo sie und wann sie in etwa wieder da ist. Im Fernsehen sehen sie Naturfilme oder Nachrichten. Filme wären für Achim Schneider zu komplex. Auch Bücher liest er nicht mehr, da sein Gehirn die Handlung nicht speichern kann.

Alle acht bis zwölf Wochen gehen sie jetzt ins Klinikum. Bislang sei die Krankheit noch nicht so schnell fortgeschritten, wie bei manch anderem.

Obwohl das Ehepaar schon mit schwersten Krankheiten zu kämpfen hatte, wollen sie ihren Optimismus nicht verlieren. "Ich weiß, dass das Leben endlich ist. Man muss lernen, das Schicksal anzunehmen", sagt Inge Schneider und ihr Mann fügt hinzu: "Um dann das Beste daraus zu machen."

*Namen von der Redaktion geändert

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