Wenn der Hamburger Reis und Fisch verdrängt

<strong>Kardiologe Prof. Motz</strong> (l.) berät mit Oberarzt Dr. Birger Wolff und Assistenzärztin Dr. Sandra Woida einen Befund. <foto>Klinikum</foto>
Kardiologe Prof. Motz (l.) berät mit Oberarzt Dr. Birger Wolff und Assistenzärztin Dr. Sandra Woida einen Befund. Klinikum

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04. Juli 2012, 10:43 Uhr

Karlsburg | Bereits im Herbst werden am Klinikum Karlsburg die ersten Diabetiker aus dem arabischen Raum behandelt werden, bei denen die Stoffwechselerkrankung mit schweren Komplikationen einhergeht. Das erklärte der Ärztliche Direktor des Herz-und Diabeteszentrums, Prof. Dr. Wolfgang Motz, im Vorfeld der heute beginnenden 8. Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft. In einem Vertrag zwischen MV und den Arabischen Emiraten, der auf der Konferenz unterzeichnet werden soll, wird ferner u. a. der Aufbau eines Beratungssystems durch das Diabetes-Zentrum Karlsburg vereinbart. "Unter dem Motto ,Train the trainer’ wollen wir innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre Partner vor Ort gewinnen und ausbilden, die Aufklärungsarbeit zu der im arabischen Raum noch stärker als hier bei uns grassierenden Stoffwechselkrankheit leisten können", so Prof. Motz.

Diabetes sei die Krankheit mit den weltweit höchsten Zuwachsraten, so der Mediziner. "In Deutschland haben derzeit 8 bis 9 Prozent der Gesamtbevölkerung Diabetes. In den Golfstaaten liegt die Erkrankungsrate sogar schon bei 35 bis 40 Prozent". Und: Nach einer Prognose der International Diabetes Federation könnten sich diese Zahlen bis zum Jahr 2025 annähernd verdoppeln.

Wachsender Wohlstand sei neben einer genetischen Veranlagung der Hauptgrund für die enormen Zuwachsraten. "Im arabischen Raum, aber auch in Südostasien, wurden Reis und Fisch als Hauptnahrungsmittel von Big Mac und Co verdrängt", hat der Mediziner auf Dienstreisen in die Region selbst gesehen. "Dazu kommen extrem hohe Temperaturen, bei denen kaum jemand Sport treibt. Selbst kürzeste Wege werden im klimatisierten Auto zurückgelegt." All das steigere das Diabetes-Risiko. Und es erhöhe das Risiko, dass sich Komplikationen wie Herzprobleme einstellen.

Karlsburg hat bei der Diabetes-Behandlungen Erfahrungen wie kaum eine andere Klinik. "Wir sind mit unserer 80-jährigen Geschichte nicht nur eine der ältesten Diabetes-Kliniken der Welt", betont Prof. Dr. Motz. "Wir verfügen mit den Daten über die Diabeteserkrankungen in der DDR auch über eine einmalige Datensammlung, einen echten Schatz." Zu den Patienten der Spezialklinik gehörten schon zu DDR-Zeiten auch Diabetiker aus dem arabischen Raum." In den 80er-Jahren betreuten Karlsburger Ärzte und Schwestern sogar eine Diabetes-Patientin aus einer Scheichfamilie in den Emiraten", weiß Motz.

Auf der "Arab Health", der weltgrößten Gesundheitsmesse in Dubai, zu Jahresbeginn waren die Karlsburger daher vielen Interessenten keine Unbekannten mehr: "Wir haben seit längerem sehr interessante Kontakte zu führenden Diabetologen im arabischen Raum. Mehrere von ihnen werden jetzt auch zur Branchenkonferenz nach Warnemünde kommen", so Prof. Motz.

Im Anschluss an die Tagung in Warnemünde werden sich die Diabetologen am Freitag in Karlsburg umsehen - so wie auch die Präsidentin der Litauischen Diabetes Gesellschaft und weitere internationale Experten für diese Stoffwechselerkrankung. "Denn natürlich setzen wir nicht nur auf eine Kooperation mit den Arabern. Auch im Ostseeraum und in Russland gibt es Interesse daran, mit uns zusammenzuarbeiten", sagt der Ärztliche Direktor.

Vor allem ausländische Diabetiker mit schweren Komplikationen wolle man in Karlsburg behandeln. Dabei will die Einrichtung auch von ihrem besonderen Leistungsspektrum profitieren: Nur in Bad Oeynhausen gäbe es in Deutschland noch eine vergleichbare Klinik, in der sowohl Diabetiker als auch Herzpatienten behandelt würden. Dabei besteht zwischen beiden medizinischen Fachgebieten ein enger Zusammenhang: "Diabetiker haben ein um das Zwei- bis Dreifache erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, als Menschen mit einem normalen Glukosestoffwechsel. Bei 30 Prozent der Herzkatheterpatienten müssen wir heute auch eine Diabetes-Erkrankung feststellen, bei weiteren 30 Prozent finden sich Risikofaktoren wie Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen, die einer Diabetes-Erkrankung vorausgehen", so Prof. Motz. In anderen Ländern potenzierten sich diese Risiken genauso. Mit dem am Karlsburger Institut für Diabetes "Karl Katsch" entwickelten KADIS - die Abkürzung steht für Karlsburger Diabetes Management System - könne man daher Diabetikern überall in der Welt auch Hilfe anbieten. Wichtige Grundlage für KADIS sei das Datenmaterial über die Behandlung der Diabetiker in der DDR.

Im Klinikum selbst werden in Karlsburg pro Jahr über 2000 Diabetiker jeden Alters behandelt. "Nachdem wir in den letzten zehn Jahren enorm in die Herzchirurgie und die Kardiologie investiert haben, planen wir deshalb perspektivisch auch, die Kapazitäten für die Diabetiker-Versorgung zu erweitern", so Prof. Motz.

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