zur Navigation springen
Neue Artikel

12. Dezember 2017 | 13:22 Uhr

Wenn der Abschied unter die Haut geht

vom

svz.de von
erstellt am 17.Dez.2011 | 03:50 Uhr

Zingst | Die Farbe unter ihrer Haut ist noch frisch, als Cornelia S. ein ungutes Gefühl beschleicht. Eigentlich hat sich die damals 23-Jährige eine filigrane Elfe für den Arm gewünscht. Eine Figur, die ihre Leidenschaft für Flügelwesen ausdrückt. Ästhetisch und dezent. Doch der Tätowierer schlägt größere Maße vor, damit das Fabelwesen von weitem nicht wie ein Dreckfleck aussieht. "Das klang einleuchtend", erinnert sich die heute 29-jährige Frau aus Zingst. Also willigt sie ein, lässt sich die Nadeln so lange in die Haut stechen, bis die sieben mal vier Zentimeter große Elfe mit elbischem Schriftzug über ihrem linken Handgelenk auf der Innenseite des Arms Gestalt annimmt. Ästhetisch ist sie. Aber auch wuchtig. Sie wirkt rebellisch. "Das passte gar nicht zu mir", meint die sportliche Frau mit den langen blonden Haaren. "Ich bin eher bodenständig, romantisch und konservativ."

"Püppi" wird zum Fremdkörper

Dennoch versucht sie zunächst, sich mit dem Tattoo anzufreunden. Sie will sich noch nicht eingestehen, dass sie einen Fehler gemacht hat. Sie, die sonst immer genau weiß, was sie will und das bei ihren beiden vorherigen Tattoos auch durchgezogen hat: geschwungene Linien über dem Steißbein, auch bekannt als "Arschgeweih", und ein kleines chinesisches Freundschaftszeichen am Knöchel. Körperschmuck, den sie bis heute nicht bereut.

Die Elfe an ihr wird dagegen zunehmend zum Fremdkörper. Cornelia S. tauft sie "Püppi". Ausdruck eines ambivalenten Verhältnisses: ein bisschen liebevoll, ein bisschen spöttisch. Die junge Frau bemerkt, dass sie immer öfter versucht, ihren linken Arm am Körper zu halten. Sobald es etwas kühler wird, zieht sie Langarm-Pullis an. Sie fühlt sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Und das, obwohl niemand Anstoß an der Elfe nimmt. Nicht einmal ihr Arbeitgeber. Sie selbst hat aber das Gefühl, dass das auffällige Tattoo ihrer Leitungsfunktion in einer Mutter-Kind-Kur-Einrichtung zuwider läuft. "Viele Gäste haben mich sofort geduzt."

"Das wäre eine schöne Kreuzfahrt gewesen"

Das individuelle Tattoo wird zu einem falschen Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Mehr noch: "Im Grunde bin ich ein selbstbewusster Mensch und habe gemerkt, dass ich dieses spezielle Ausdrucksmittel gar nicht brauche", sagt sie. Doch für die endgültige Entscheidung, das Tattoo entfernen zu lassen, sorgt erst ein Saunabesuch. "Da traf ich auf eine ältere Frau, die auf den ersten Blick einen schmutzigen Arm hatte. Bei näherem Hinsehen war das jedoch ein faltiges Tattoo."

Kaum zu Hause, beginnt Cornelia S. mit der Recherche im Internet. Ein mühsames Unterfangen. Tattoo-Entfernung - zum damaligen Zeitpunkt offenbar noch ein Stiefkind in der ästhetischen Medizin. Immerhin findet sie he raus, dass seriöse Behandler unter anderem eine Probelaserung anbieten und eine Hautprobe entnehmen. Nach langer Suche entscheidet sie sich für die Hautklinik der Universität Rostock. Bis es soweit ist, legt sie monatlich Geld zurück.

Das kann sie gebrauchen, als im November 2010 die Behandlung beginnt. Eine Sitzung kostet 230 Euro. Zwischen fünf und zehn Termine werden ihr prophezeit. "Mit dem Geld hätte man eine schöne Kreuzfahrt machen können", meint Cornelia S. trocken.

Heftige Schmerzen gibt es gratis. Als der Laser zum Einsatz kommt, fühlt es sich an, als würde man "ein Cuttermesser durch den Arm ziehen", erzählt die ehemalige Patientin. Der Schmerz pocht heftiger als beim Tätowieren. Denn im Gegensatz dazu gibt es beim Lasern keine kurzen Pausen, wie sie erklärt. Nach der ersten Sitzung hat sie Brandblasen, doch von denen bleibt sie bei den weiteren Behandlungen verschont. Sie nimmt Betäubungssalbe und wird zum Wundheilungsprofi. Kühlakkus, Bachblütentropfen, kalter Schwarztee und Creme: "Das hat mir geholfen." Und vor allem: keine Sonne. Da ran hält sie sich strikt. Ein ganzes Jahr lang beißt sie einmal im Monat für 25 Minuten die Zähne zusammen. Drei Ärztinnen wechseln sich mit der Behandlung ab. "Es wäre schön gewesen, wenn ich nur eine Bezugsperson gehabt hätte", meint sie rückblickend.

Bis zum gewünschten Ergebnis sind es letztlich elf Sitzungen geworden. Vereinzelt sind zwar noch Farbpunkte zu erkennen, die täglich mehr verblassen. Auch die Umrisse der Figur heben sich noch weiß ab. Spätestens in zwei Jahren soll aber auch davon nichts mehr zu sehen sein, so die Prognose. "Man braucht Geduld", weiß Cornelia S. Mit dem Ergebnis sei sie "1000-prozentig" zufrieden. Das Körpergefühl sei ein ganz anderes, die Haut keine bloße Hülle mehr. "Ich würde es wieder machen."

Camouflage-Schminke zur Hochzeit

Doch vorerst kann sie sich nicht vorstellen, noch einmal ein Tattoo-Studio aufzusuchen. Sie zeigt auf ihr Hochzeitsbild von diesem Sommer. Auf dem Foto trägt sie ein klassisches weißes Kleid. Da zu diesem Zeitpunkt erst die Hälfte der Behandlungen geschafft war, hatte sie die Reste der Elfe mit Camouflage-Schminke abgedeckt. "Das Tattoo hätte überhaupt nicht zum Kleid gepasst." Passend war dagegen das Geschenk der Hochzeitsgäste: Geld für eine Kreuzfahrt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen