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Institutionen : Wem können wir überhaupt noch trauen?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Banken, Kirchen, Politiker und jetzt der ADAC: das Vertrauen in Institutionen sinkt – durch Skandale und das wachsende Misstrauen der Deutschen

Machtbewusst und stolz ist die Führungsriege des ADAC immer gerne aufgetreten. Doch von der Selbstgewissheit an der Spitze des größten deutschen Vereins ist nicht viel übrig. Nachdem der Autofahrerclub vor einer Woche die peinlichen Mauscheleien beim „Gelben Engel“ einräumen musste, rücken täglich neue Fragen in den Blickpunkt. Das Amtsgericht München prüft, ob der ADAC noch den Status eines Vereins genießen darf. Staatsanwälte schauen sich die Vorgänge im Rahmen von Vorprüfungen an. Tests und Statistiken werden in Zweifel gezogen. Der ADAC ist ziemlich ramponiert. Für die Instandsetzung wird eine einfache Pannenhilfe kaum ausreichen. Und nun muss sich Präsident Peter Meyer selbst rechtfertigen: Er hatte für dienstliche Termine in den vergangenen zehn Jahren mehrfach Rettungshubschrauber genutzt.

Das Vertrauen in den ADAC sinkt – und die Deutschen stellen sich die Frage: Kann man denn niemandem mehr trauen? Oder werden die Deutschen vielleicht schon zu misstrauisch? Denn Institutionen haben es immer schwerer, von der Kirche bis zum Verband. Die Deutschen waren zumindest wohl immer schon ein bisschen misstrauischer veranlagt als andere Völker. In einem Deutschland-Führer aus den USA findet sich die Warnung: „Wenn man einen Deutschen zu freundlich anspricht, glaubt er schnell, dass man ihn reinlegen will.“

Es gibt im Deutschen auch viele Sprichwörter und Zitate, die nicht gerade für naives Urvertrauen werben: „Vorsicht ist besser als Nachsicht.“ „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ In den vergangenen Jahrzehnten sind die Deutschen noch misstrauischer geworden. „Ganz konkret sind es noch 13 Prozent der Bundesbürger, die den Non-Profit-Organisationen vertrauen, vom ADAC über Stiftung Warentest bis hin zu Amnesty International“, sagt Prof. Ulrich Reinhardt, Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg. „In den 80er-Jahren waren das noch bis zu 50 Prozent.“ Immerhin genießen die Non-Profit-Organisationen noch mehr Vertrauen als Kirchen (9 Prozent), Banken (5), Bundespolitiker (3) und Parteien (1).

Steigende Vertrauenszahlen werden im persönlichen Umfeld verzeichnet: Drei Viertel aller Bundesbürger vertrauen der eigenen Familie, 60 Prozent ihren Freunden.

Reinhardt folgert daraus: „In der Konsequenz wendet sich der Bürger ganz klar von den Institutionen ab und verlagert das in das direkte Umfeld.“ Er sieht durchaus „Gefahr für die Demokratie.“

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie betont, dass Misstrauen in Demokratien eingebaut sei – „und zwar zu Recht“. Der Eindruck, dass das Misstrauen zugenommen hat, liegt nach Leggewies Einschätzung daran, dass heute viele Akteure aktiv sind, die es früher nicht gab: von Wikileaks bis Edward Snowden und von den kritischen Aktionären bis Transparancy International. Sie dulden keine „Arcana Imperii“ mehr – keine Geheimnisse der Herrschenden. „Gut so!“, sagt Leggewie.

Auch der Historiker Hans-Ulrich Wehler kann sich „keine wirkliche Alternative“ zu kritischer Kontrolle denken: „Man kann das nicht totschweigen – damit liegt der ADAC jetzt schon auf der Nase.“ Leggewie sieht allerdings die Gefahr, dass sich das Misstrauen in eine „populistische Anti-Politik“ auflöst, „das heißt, dass man allem überall misstraut – auch ohne Grund“.

Es gibt aber schon noch Ausnahmen. Angela Merkel würde kaum so oft als „Mutti“ bezeichnet, wenn sie nicht auch als moralisches Vorbild wahrgenommen würde. Doch zu niemandem schauen die Deutschen so bedingungslos auf wie zu Helmut Schmidt. Seine Werte seien in den zurückliegenden 20 Jahren „durch die Decke geschossen“, sagt Reinhardt. Der 95-jährige Altkanzler hat mittlerweile den Status eines nationalen Über-Vaters erreicht, dessen Meinung zu nahezu allen Fragen des Lebens interessiert.

 

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erstellt am 26.Jan.2014 | 09:00 Uhr

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