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21. August 2017 | 12:28 Uhr

Streitbar : Weltgeschichte wiederholt sich nicht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges sehen „Experten“ Europa erneut vorm Abgrund, kritisiert Jan-Philipp Hein.

Am 28. Juni wird es dann wohl rund gehen. Irgendein für sich genommen eher unbedeutendes Ereignis auf dem europäischen Kontinent wird uns geradewegs in den dritten Weltkrieg führen. Genießen wir den Frieden bis dahin. Denn danach wird alles anders sein. Die Fläche zwischen Brüssel und Moskau sowie Sizilien und Helsinki wird in Trümmern liegen, Millionen Tote auf Schlachtfeldern, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können. Der letzte Frühling naht.


Der nahe ferne Krieg


Ich spinne? Nein, bekanntlich nie. Haben Sie denn in der letzten Zeit nicht die Medien verfolgt? Ich lese nur nach, was ein paar der lieben Kollegen seit einigen Wochen zum ersten Medienhype des noch jungen Jahres aufblasen.

„Der nahe ferne Krieg“ ist die Überschrift des „Spiegel“-Titels Nummer 1/2014. Eine „unheimliche Aktualität des ersten Weltkriegs“ sehen die Hamburger Magazinmacher. Das wohlige Gruseln beim Zeilenmachen lässt sich noch am Kiosk spüren. Der Größte Kolumnist aller Zeiten (GröKaZ) schreibt in der Online-Ausgabe: „Angela Merkels Europapolitik und Chinas Vorgehen im Pazifik lassen ahnen, dass sich jede Geschichte wiederholen kann – auch die schrecklichste.“

Dazu müssen die Augen freilich fest verschlossen bleiben. Imprägnieren Sie sich gegen die real existierende Welt und Sie werden es verstehen. Dass es die Vereinten Nationen gibt, deren Vorläufer, der Völkerbund, als Reaktion auf den Ausbruch des ersten Weltkriegs gegründet wurde, muss dabei ebenso ignoriert werden wie die NATO und die Europäischen Union. Vergessen Sie bitte auch die engen wirtschaftlichen Verflechtungen, die gestiegene Mobilität der EU-Bürger, den Umstand, dass in Grenzgebieten kaum einer mehr weiß, ob er seine Brötchen gerade dies- oder jenseits der Grenze kaufte oder verdiente, vergessen Sie bitte auch Interrail, Airbus, den Eurovision Song-Contest und die Champions-League.


100 Jahre – da geht was!

Vieles spricht dafür, dass es eben keine bemerkenswerte Parallele 1914 / 2014 gibt, sondern dass die Medienmaschine in dieser Konstellation zwangsläufig auf eine steile These zusteuern muss. 100 Jahre – da machen wir was draus! Wir können gar nicht anders. Wir sind Journalisten. Das schreibt sich fast von selbst.

So geht das Jubiläum des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs einher mit einer Flut an Neuerscheinungen im Sachbuchmarkt. Die Autoren, ein paar Historiker, diverse Grandseigneurs und Journalisten sitzen dann da und diskutieren in Studios und auf Podien miteinander. Sie schauen auf den Euro und die schwere Krise einiger Mitgliedsstaaten, sehen den deutschen Exportüberschuss und machen aus Merkel irgendwann Wilhelm II. und infizieren die Feuilletons.

Würde die Konstellation dieses 2014 gerade sein wie die Konstellation des Jahres 2006, so würden wir auch dann unheimliche Parallelen sehen. Wären diese vielen Deutschlandfahnen auf den Autos nicht ein arg verdächtiges Zeichen neuer Nationalbesoffenheit und deutscher Großmannssucht gewesen? So oder ähnlich hätte es heißen können? Ohne heikles Jubiläum waren die vielen Fahnen und Trikots aber eben doch nur ein Zeichen unbeschwerter Fröhlichkeit im Rausche der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land.

Es ist ein bisschen wie mit den Statistiken, die Sportredaktionen ihren Kommentatoren ins Ohr flüstern: Der 1. FC Irgendwas habe noch nie ein Spiel gewonnen, wenn bei Vollmond der Anstoß vor 20 Uhr ausgeführt wurde, der Gegner in roten Hosen von links nach rechts spielte und dessen Torwart eine Woche zuvor Geburtstag hatte, bekommen wir dann zu hören. Das klingt wenigstens flott und extrem gut vorbereitet, sagt aber genau gar nichts aus. Und so sagt auch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs nichts über die Euro-Krise aus. Was ist eigentlich aus diesem guten Satz geworden? Geschichte wiederholt sich nicht.

Und ganz en passant ist die Weltkriegsparallele ein überdimensionales und übles Totschlagargument. Wer damit kommt, braucht sich keine Mühe mehr zu machen, den Euro-Kurs der Kanzlerin auf der tagesaktuellen Sachebene zu diskutieren. Den Diskurs mit aberwitzigen Vergleichen und der Sprengung aller Maßstäbe eskalieren zu lassen, das kennen wir auch aus anderen Zusammenhängen. Wer gegen Windparks in Wäldern oder in der norddeutschen Tiefebene ist, kann sicher sein, dass er irgendwann zum Büttel einer Atommafia erklärt wird, die ohne Skrupel ihr schmutziges Geschäft betreiben wolle. Sachargumente sind einfach nicht gefragt.


Krieg auf den Schlachtfeldern

Am Rande: Nachdem ich neulich an dieser Stelle auf die Eigeninteressen von NGOs hinwies, die sonst immer damit beschäftigt sind, die böse Industrie und die finsteren Konzerne anzugiften, wurde mir postwendend in Foren und wenig freundlichen Zuschriften erklärt, ich würde von Monsanto & Co. für deren Krieg auf den Genmaisfeldern bezahlt.

Aber zurück zum Krieg auf den Schlachtfeldern: Da wir uns nun am Vorabend eines neuen Weltkriegs befinden, spielen wir mal durch, was uns publizistisch in der Sache dieses Jahr noch erwarten wird: Meteorologen werden die Wetteraufzeichnungen aus 1914 hervorkramen und uns wissen lassen, dass es damals im Winter kühl, windig und nass war, sogar Schnee gesichtet wurde und es im Sommer dagegen deutlich wärmer und insgesamt freundlicher war. Noch ein Menetekel für den nahenden Kriegsausbruch. Haben Sportredaktionen bereits Fußballergebnisse von damals mit denen von heute verglichen? Was ist mit der Kunst und der Ästhetik? Sind wir nach dem Zwanziger-Revival nicht gerade irgendwie voll auf 1914-Kurs wie im selben Jahr die Titanic auf Crashkurs?

 


Weltkrieg im Sonderangebot


Und wenn das alles jetzt doch anders kommt? Der Handel hat sowieso schon seinen Plan B für den Fall eines ausbleibenden Kriegsausbruchs in der Tasche. Man muss ja vorbereitet sein. Neulich stapfte ich aus Gründen des Zeitvertreibs durch die Sachbuchabteilung einer Buchladenkette. Rechts Biographien, voraus Coffeetable-Books, halblinks die Esoterik-Ecke, daneben die EDV-Ratgeber, ein paar Kochbücher und schließlich Geschichtsliteratur. Mittendrin ein runder Tisch, darauf ein Pappaufsteller mit der Aufschrift: „1914-1918 / 100 Jahre 1. Weltkrieg“. Schwarzweißfotos zeigen Soldaten in Schützengräben, zerstörte Landschaften, alles in grau grundiert. Drumrum drapiert: Herfried Münklers „Der Große Krieg – Die Welt 1914-1918“, Manfred Rauchensteiners „Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger Monarchie“ oder Nial Ferguson mit „Der falsche Krieg – Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert“. Auch ein reich illustriertes Buch zur „Militärgeschichte“ darf nicht fehlen. Es wirkt als habe ein Lebensmittelkonzern einen Stand aufgebaut, um seine neue Tütensuppe besonders nett ausschauen zu lassen.

Bin ich einfach nur spießig, oder kann man schon auf die Idee kommen, das für mindestens pietätlos zu halten? Die Autoren trifft natürlich keine Schuld daran, in welchem Umfeld ihre Werke angepriesen und verramscht werden. Aber hey, Buchläden: Muss das sein? Was bereitet ihr denn noch vor? 75 Jahre Holocaust? Tauchen Sie ein! Alles, was Sie wissen müssen, finden Sie hier bei uns auf einen Blick...? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Auf zum nächsten Jubiläum!


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von
erstellt am 25.Jan.2014 | 15:30 Uhr

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