Fragen & Antworten : Weitere Sperre wäre folgerichtig

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16. Juni 2016, 18:53 Uhr

Worum geht es? Das Council des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF entscheidet auf seiner letzten vorolympischen Sitzung heute  in Wien, ob die im November wegen systematischen und staatlich organisierten Dopings ausgesprochene Suspendierung des russischen Leichtathletik-Verbandes RUSAF über die Sommerspiele in Rio de Janeiro bestehen bleibt.

Welche Entscheidungen sind möglich? Die wahrscheinliche und folgerichtige: Die Russland-Task-Force der IAAF empfiehlt dem Council, die Russen weiterhin zu sperren, und das Council folgt der Empfehlung. Möglich ist auch eine Wiederzulassung auf Bewährung vor den Europameisterschaften in Zürich (7. bis 10. Juli), unwahrscheinlich eine sofortige Aufhebung der Sanktionen in Gänze. Als letzte Möglichkeit bleibt ein – wie auch immer gearteter – Kompromiss, der sowohl der IAAF wie auch dem Internationalen Olympischen Komitee erlaubt, Gesicht und Linie zu wahren.

Was spricht für Russlands Wiederaufnahme? Objektiv gesehen: wenig bis gar nichts. Laut neuestem  Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sind die Mängel weiterhin gravierend. So hätten zwischen dem 15. Februar und dem 29. Mai 2016 insgesamt 736 geplante Dopingkontrollen aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt werden können, der Zugang zu den Sportlern sei den internationalen Kontrolleuren in großem Ausmaß erschwert worden. Zudem seien einschlägig belastete und gesperrte Trainer weiter aktiv.

Bleibt die IAAF hart, wäre der Start russischer Leichtathleten in Rio damit ausgeschlossen? Nein. Hausherr der Olympischen Spiele ist das IOC, nicht die IAAF. Die obersten Olympioniken könnten auch nach einem generellen IAAF-Bann gegen den russischen Verband auf Einzelfall-Basis „saubere Russen“ zulassen. Diese müssten durch zusätzliche unabhängige Tests Nachweise ihrer Unbescholtenheit erbringen. Die IOC-Spitze berät am Dienstag nach der IAAF-Entscheidung in Lausanne.

Wie gerecht wäre ein Start nachgetesteter russischer Athleten in Rio? Ein intensiviertes Testprogramm in den Wochen bis zum Olympia-Beginn  wäre nicht mehr als ein Feigenblatt. Doping entfaltet seinen größten Nutzen, wenn es in den Zeiten der höchsten Trainingsbelastung genommen wird, im Hinblick auf Rio  2016 also im Herbst 2015 und im Frühjahr 2016 – das Kind ist also längst in den Brunnen gefallen. Das Gleiche gilt übrigens auch für weitere Länder wie Kenia. Der „Kompromiss“, vermeintlich saubere Athleten dennoch nach Rio einzuladen, könnte dem IOC allerdings juristische Auseinandersetzungen ersparen.

Welche historische Dimension  hätte ein Ausschluss?  Eine große. Ausschlüsse von Olympischen Spielen gab es bereits aus politischen Gründen, beispielsweise für Deutschland nach den Weltkriegen oder für Südafrika wegen dessen Apartheid-Politik. Ein Ausschluss eines Landes oder eines Landesverbandes wegen Sportbetruges wäre ein Novum, in Rio de Janeiro aber womöglich kein Einzelfall: Auch Bulgariens Gewichtheber stehen aufgrund fortgesetzter Dopingpraktiken vor dem Aus.

Was sagt die IAAF? Präsident Sebastian Coe: „Es wäre unangebracht, wenn ich jetzt beurteilende Äußerungen treffen würde. Wir haben die Task Force beauftragt, ihre Arbeit zu tun, und jetzt werde ich auf ihren Report warten.“

Was sagt das IOC? Präsident Thomas Bach: „Wir verfolgen eine Null-Toleranz-Politik, die nicht nur einzelne Athleten, sondern auch die gesamte Gefolgschaft in ihrem Umfeld betrifft. Maßnahmen können von lebenslangen Olympia-Sperren für alle betroffenen Personen über finanzielle Sanktionen bis hin zur Akzeptanz des Ausschlusses eines ganzen nationalen Verbandes wie des derzeit existierenden der russischen Leichtathletik durch die IAAF reichen.“

Welche Top-Stars würden im Falle eines Ausschlusses fehlen? Allen voran Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa, die sich mit ihrem dritten Olympia-Gold in den Ruhestand verabschieden wollte. Zudem träfe es die Weltmeister Sergej Schubenkow (110 m Hürden) und Marija Kutschina (Hochsprung).

Wie sieht es mit anderen Sportarten aus? Die Meldungen über Manipulation bei den Winterspielen in Sotschi und über vertuschte Dopingtests bei den Schwimmern lassen darauf schließen, dass sich die Problematik nicht nur auf die Leichtathletik beschränkt. Ein Ausschluss des kompletten russischen Teams von den Spielen in Rio wird in den kommenden Wochen garantiert noch zum Thema.

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