Weißes Millionengrab für Patronenhülsen

<fettakgl>Wertvolle Hinterlassenschaft:</fettakgl> So sieht es nach einem Biathlon-Wettkampf aus.<foto> Imago</foto>
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Wertvolle Hinterlassenschaft: So sieht es nach einem Biathlon-Wettkampf aus. Imago

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30. Januar 2013, 11:32 Uhr

Antholz/Berlin | TV-Sendepause für der Deutschen liebste Wintersportart. Seien wir ehrlich: Am Biathlon-Spektakel wie zuletzt im südtirolerischen Antholz fasziniert den gemeinen Sportfan ganz besonders: Fallen beim Schießen die fünf schwarzen Klappscheiben oder nicht?

In Antholz selbst, 1600 m hoch gelegen und mit großartiger Alpenkulisse, haben die Einheimischen die Bretterverschläge vor Parterre-Fenstern und Türen nach dem Weltcup wieder abgeschraubt. Wenn Tausende Feierwütige aus Südtirol oder Deutschland kein Maß mehr einhalten und die Toilettenhäuschen nicht nah genug sind, entlädt sich mancher Gast ohne Rücksicht auf die Umgebung...

Für 12 Euro schießt der Tourist vom Originalstand der Stars

Geschossen wird aber dennoch auch weiterhin in der Arena. Touristen können dort für 12 Euro ein Paket buchen: Führung durch Gebäude und Anlage, Vorführung eines Biathlon-Filmchens plus fünf Schuss am Originalstand der Stars.

Wir haben uns in Antholz erkundigt, wie viele Kleinkaliber-Patronen in so einer Weltcup-Woche verschossen werden. Nach Gerald Hönig, Bundestrainer der deutschen Biathletinnen, darf man von 350 bis 400 Geschossen pro Nase ausgehen: "Für Wettkämpfe inklusive Anschießen plus Training." Nimmt man die Teilnehmerzahl in Antholz mal 375 Patronen, käme man auf etwa 105 000 Patronen, die am Schießstand anfallen.

Patrick Pallhuber, Chef des Schießstandes im Pustertal, allerdings schätzt, "dass es wohl eher so um die 150 000 sein werden". Weil manche Mannschaften früher anreisen und im Training tagsüber fleißig die Klappscheiben anvisieren und abdrücken. Hinzu kämen durch Touristen und Biathlonfans - siehe oben - "noch einmal etwa die gleiche Zahl."

Pallhuber geht also von rund 300 000 Hülsen aus, die in einem Winter hier liegen bleiben. Die meisten purzeln nach dem Abfeuern in eine Art Graben. Oder werden von den Helfern mit einem Besen von den Matten oder aus dem Schnee dahin gekehrt. Weil die em pfindlichen Beläge der Skating-Ski beschädigt werden könnten, falls die Sportler darüber gleiten.

Was passiert aber mit den Hülsen, was mit den Bleigeschossen, die vorn ins Ziel treffen oder auf die Erde prallen? "Die werden eingekehrt, wenn der Schnee weg ist", sagt Pallhuber. So kämen etwa 500 kg Buntmetall zusammen, das der Wiederverwertung zugeführt wird. Und dabei der "Kaffeekasse" für die Helferschar schon ein paar Euro beschert. Maschinell lassen sich die Überreste der Biathlon-Ballerei übrigens nicht einsammeln, weil das Messing von Magneten nicht aufgesogen wird.

Und das Blei? - "Das filtern wir so gut wie möglich auch aus dem Erdreich, weil es ja giftig ist." So werden also die Reste vom Feste fein säuberlich zusammengekehrt und recycelt. "Bis auf die Gase, die beim Zünden der Patronen frei werden und halt nicht eingefangen werden können", meint Sven Fischer aus thüringischen Oberhof. Der mehrfache Weltmeister und Olympiasieger, in diesem Winter wieder als ZDF-Experte unterwegs, sagt es mit einem Unterton des Bedauerns.

Topathleten verbrauchen pro Saison bis zu 12 000 Patronen

Laut Hönig verbraucht ein Topathlet pro Jahr Munition für etwa "10 000 bis 12 000 Schuss". Aus welcher Produktion, ist frei. Hersteller kommen vor allem aus Skandinavien, Russland und Deutschland. Die Deutschen bevorzugen die Produkte der Firma "Lapua" aus Schönebeck an der Elbe.

Während das Gewicht der Patrone - Kaliber 5,62 mm - nicht vorgeschrieben ist, hat man seit einiger Zeit die Vorgabe seitens des Weltverbandes IBU, das Bleigeschoss darf nicht schneller als 380 m/s fliegen. Munition für unterschiedliche Temperaturen, von Plusgeraden bis minus 20 Grad, existiert erstaunlicherweise (noch) nicht.


Munitionstest im Eiskanal

Hönig: "Wir testen die Munition aber im Eiskanal und haben festgestellt, wenn die Treffergenauigkeit da gut ist, dann funktioniert es bei allen Temperaturen." Wichtig sei vor allem, die Munition - die Aktiven benutzen nicht alle die gleichen Patronen - "für die gesamte Saison möglichst aus einer Herstellungs-Charge zu erhalten. Ansonsten kann es passieren, dass die Treffer bei fixiertem Visier bis zu drei oder vier Zentimeter abweichen. Obwohl das Fabrikat original identisch sein sollte." Eine Wissenschaft für sich sei die Produktion von Patronen möglichst identischer Eigenschaften.

Rechnet man den Patronen-Exodus auf insgesamt neun Weltcup-Stationen sowie die WM-Tage (doppelter oder dreifacher Verbrauch), so dürfte am Ende des Winters eine Hinterlassenschaft von ca. zwei bis drei Millionen Hülsen zusammenkommen. Die meistens wiederverwertet wird…

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